Wer einmal einen Pflaumenkuchen aus der Sorte «Bärtschis Frühzwetschge» gegessen hat, weiss: Das ist etwas Besonderes. Die Früchte sind blauviolett, das Fruchtfleisch schimmert grün bis orange – und das Aroma überrascht, ist es doch eher pflaumenuntypisch. Diese alte Sorte wächst heute noch vereinzelt in der Schweiz, zum Beispiel im Jura oder im östlichen und westlichen Mittelland. Und sie ist eine der über 2400 Obstsorten, die von der Pro Specie Rara erhalten werden. Die Schweizer Stiftung hat zum Ziel, die Vielfalt an Kulturpflanzen und Nutztieren zu bewahren – damit in der Schweiz keine Sorte und keine Rasse für immer verloren geht.
«Bärtschis Frühzwetschge» stammt aus dem Oberelsass und wurde 1906 erstmals beschrieben. Gemeinsam mit der «Adlerkirsche von Bärtschi» und der Apfelsorte «Schöner von Bärtschi» bildet sie ein sogenanntes Sortentrio, das um 1900 herum in der Baumschule von Johann Bärtschi in Lützelflüh BE vermehrt wurde.
Die Notwendigkeit besteht weiter
Damals, vor gut 125 Jahren, gab es in der Schweiz weit über 3000 verschiedene Obstsorten. Heute sind rund 1000 davon verschwunden. Auch die typischen Hochstamm-Obstbäume sind in grosser Zahl zurückgegangen: Rund 80 Prozent der früheren Bestände gibt es nicht mehr. Mit jeder verlorenen Sorte schwindet ein Kandidat, der gegen spezielle Krankheiten widerstandsfähig sein kann oder an herausfordernde Klimabedingungen gut angepasst ist. Gleichzeitig geht auch ein Stück Kultur verloren, denn viele alte Sorten sind eng mit regionalen Bräuchen und traditionellen Gerichten verbunden.
Schon 2017 hat ProSpecieRara damit begonnen, mit dem Projekt «Rote Liste» besonders seltene Obstsorten zu retten. Zur Giardina 2026 rückt das Projekt erneut ins Rampenlicht. Wer im Ticketshop ein Eintrittsticket kauft, kann freiwillig eine Spende für ProSpecieRara hinzufügen. Die Transaktionskosten übernimmt die Giardina. «Noch immer sind viele Sorten sehr selten», erklärt Florian Bärtschi, Projektleiter ProSpecieRara. «Es gibt einen hohen Bedarf, diese seltenen Sorten an weiteren Standorten zu pflanzen, um den Bestand langfristig zu sichern.»
Wenn Sortenerhalt Detektivarbeit wird
Von den über 2400 Obstsorten, die die Stiftung in ihrem Programm hat, gelten rund 40 Prozent als besonders gefährdet. Sie stehen auf der sogenannten Roten Liste – das bedeutet, dass sie an weniger als drei Standorten vorkommen, dort manchmal sogar nur noch als einzelner Baum.
Beim Apfel «Schöner von Bärtschi» zeigt sich, dass die Arbeit eines Sortenerhalters auch detektivische Fähigkeiten verlangt. «Gerade sind wir dabei, alle nötigen Informationen zum vermutlich letzten vorhandenen Baum dieser Sorte zusammenzutragen», sagt Bärtschi. «Voraussichtlich wird sie auf der nächsten Roten Liste im Winter 26 / 27 geführt.»
Wer das Rare schätzt, kann sich an der Sortenerhaltung beteiligen und eine Sorte auf Bestellung vermehren lassen. Allerdings ist etwas Geduld nötig. «Hat der Kunde bei uns den Baum bestellt, organisieren wir das Vermehrungsmaterial und geben den Auftrag an eine Baumschule weiter. Dort wird der gewünschte Baum veredelt und herangezogen.» Bis ein frisch veredelter Hochstammbaum pflanzbereit ist, vergehen in der Regel zwei bis drei Jahre. «In Ausnahmefällen können auch bestehende Bäume umveredelt werden, diese sind schneller verfügbar.»
In kleinen Gärten Grosses bewirken
ProSpecieRara richtet sich ausdrücklich auch an Gartenbesitzer ohne grosse Erfahrung. Auf dem Online-Sortenfinder finden Interessierte über 1600 Obstsorten mit Informationen zu Standort, Pflege und Bezugsquellen. Wer unsicher ist, kann sich bei der Sortenwahl beraten lassen. Zudem bietet die Stiftung Kurse an, etwa zum Obstbaumschnitt, zur Veredelung oder zur Sortenbestimmung.
Für kleinere Gärten eignen sich besonders kompakte Baumformen wie Niederstämme, Spaliere, Spindeln oder Säulenbäume. Sie brauchen wenig Platz, tragen relativ früh Früchte und lassen sich gut pflegen. «Wer dennoch gerne im Schatten sitzt, kann auch einen Hochstamm mit mehreren Sorten pflanzen – einen sogenannten Mehrsortenbaum», erklärt Bärtschi. In grösseren Gärten oder Gemeinschaftsanlagen empfiehlt er eine Kombination verschiedener Baumformen. Hochstammbäume seien nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern auch wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tierarten. «Damit fördern sie die Biodiversität gleich doppelt, denn auch seltene Sorten sind Teil der Biodiversität. Ein Hochstammbaum ist am richtigen Ort ausserdem etwas sehr Dekoratives.»
Wenn man nicht alles ernten möchte?
Viele Gartenbesitzer zögern, einen Obstbaum zu pflanzen, aus Sorge vor dem Pflegeaufwand oder wenn die Zeit fehlt, die Früchte abzulesen – und diese dann am Boden verrotten und Wespen anlocken. Aber auch dafür gibt es Lösungen. «Wer wenig Zeit für den Schnitt eines Jungbaums hat, kann alternativ einen anderen einheimischen Laubbaum pflanzen, der weniger schnittaufwendig ist, etwa eine Eiche, Linde oder Vogelbeere.» Zudem gebe es gerade in stadtnahen Gegenden viele motivierte Menschen, die gerne Obst ernten würden, aber keinen eigenen Garten haben. In diesem Fall könnte man Teil der Aktion «Gelbes Band» werden, eine Initiative gegen Lebensmittelverschwendung: Hier signalisieren Obstbaumbesitzer durch gelbe Bänder an ihren Bäumen, dass man die Früchte kostenlos und ohne Nachfrage für den Eigenbedarf ernten darf.
Auch privat ist Florian Bärtschi von raren Obstbäumen fasziniert. Gemeinsam mit Familie und Nachbarn bewirtschaftet er im Emmental drei Hektaren Landwirtschaftsland. Dort pflanzte er 2024 einen Korridor aus Hochstamm-Obstbäumen. «Mich begeistert die Vielfalt selbst», sagt er. «Es ist eine grosse Freude, jedes Jahr unterschiedliche, besondere Früchte zu ernten. Und ehrlich gesagt: Ich habe einfach gerne Bäume – ganz egal welche.»
Giardina Zürich
Die Giardina zählt zu Europas führenden Indoor-Veranstaltungen für das Leben im Garten. Jeweils zum Frühlingsbeginn werden in der Messe Zürich auf rund 30000 m² neue Produkte, kreative Lösungen und die kommenden Trends in der Gartengestaltung präsentiert. Dieses Jahr findet der Anlass vom 11. bis 15. März 2026 statt.








