Experiment

Das Smart-Home-Experiment

Messung des Potenzials von Smart-Home-Lösungen zum automatisierten Energiesparen in Privathaushalten.

von Dr. Philippe M. Pouget

Dr. Pouget Innovations (DPI)

Auf höchster politischer Ebene wird derzeit intensiv über unsere Energiezukunft diskutiert. Im Fokus steht unter anderem die Frage, wie dereinst der «Winterstrom» für die Wärmepumpen produziert werden soll. Heute versorgen rund sechshundert Energieversorgungsunternehmen die Endkunden mit Strom. Ihr Geschäftsmodell basiert primär auf der sicheren Produktion, der Verteilung und dem Verkauf von Energie (Strom). Entsprechend liegt der Fokus bei einer Abwendung von Stromknappheit auf dem Ausbau der Produktionskapazitäten, wie beispielsweise alpine Solaranlagen, Windparks oder neue Atomkraftwerke.

Energiesparen als Chance

Die Themen Energiesparen und Energieeffizienz haben keine starke Lobby und werden aus diesem Grund nur unzureichend bearbeitet. Studien zeigen, dass die Schweiz ihren Stromverbrauch um rund einen Drittel reduzieren könnte. Würde das Energiesparen als echte Alternative zum Ausbau der Produktionskapazitäten betrachtet, ergäben sich neue Innovations- und Technologiefelder, die der ganzen Schweiz neue Chancen bieten würden. Dies bedingt jedoch ein strategisches Vorgehen mit klaren Zielen und einer zielgerichteten Umsetzungsplanung. Stattdessen werden heute die Endkunden über Plakatkampagnen zum Stromsparen aufgerufen. Solche Massnahmen haben eine geringe Wirkung und sind für einen Innovations- und Technologiestandort wie die Schweiz kaum angemessen. Denn mit dem Einsatz modernster, heute bereits verfügbarer Technologien auf Endkundenseite liesse sich ein deutlich grösseres Einsparpotenzial realisieren, und zwar in einem Ausmass, welches das eine oder andere Projekt zum weiteren Ausbau der Stromproduktion obsolet machen würde.

Das Smart-Home-Experiment

Ein von mir initiiertes und vom Kanton Zürich subventioniertes Pilotprojekt hat sich diesen Fragestellungen ange-nommen und sich zum Ziel gesetzt, praxisnah zu ermitteln, wie hoch das effektiv erzielbare Stromsparpotenzial in Privathaushalten ist, wenn diese mit modernsten Technologien zum Energiesparen ausgerüstet werden. Im Gegensatz zu anderen Bereichen wird das grosse Strom- und Energiesparpotenzial in Wohnbauten bisher nur unzureichend erschlossen. Haushalte verbrauchen rund 30 Prozent der gesamten elektrischen Energie in der Schweiz. Zwar kann die Bevölkerung mit den besagten Energiesparkampagnen zu energiesparendem Verhalten motiviert werden. Die Wirkung von Massnahmen, die aktive Bemühungen der Bewohnenden erfordern, ist aber oft von begrenzter Dauer. Technologien, mit denen sich die Energieeinsparungen ohne aktives Zutun erzielen lassen, sind also gefragt. Smart-Home-Technologien können hierbei eine Lösung zur Erzielung von automatisierten und systematischen Energieeinsparungen sein.

Im Rahmen des Pilotprojektes wurden fünf Einfamilienhäuser mit Smart-Home-Technologien ausgerüstet und diese so programmiert, dass der Stromverbrauch intelligent gesteuert und z. B. bei Abwesenheiten oder im Tagesverlauf bewusst reduziert wird. Über eine Projektdauer von einem Jahr wurden sodann die Einsparungen gegenüber der Vorjahresperiode ermittelt und ausgewertet. Das Projekt sollte aufzeigen, wie solche Technologien insbesondere in Bestandsbauten eingesetzt werden können, und gleichzeitig das in der Praxis effektiv realisierbare Einsparpotenzial ermitteln.

Projektresultate

Die Resultate sind ermutigend und zeigen, dass sich eine Stromeinsparung von 10 Prozent – und dies ohne jegliche Komforteinbusse bei den Bewohnenden – realisieren lässt. Die wenigen erforderlichen Verhaltensänderungen werden durch den Komfortgewinn der automatischen Steuerung, den möglichen Zugriff von unterwegs und das gute Gefühl, umweltbewusst zu handeln, mehr als kompensiert. Neben den realisierbaren Einsparungen können auch die Robustheit der eingesetzten Technologien und die Wirtschaftlichkeit der Lösungen positiv beurteilt werden.

Ausblick und Vision

Die Gebäudeelektroinstallationen von heute weisen in der Masse noch kaum «intelligente» Features auf, die helfen, Energie zu sparen, obwohl solche am Markt erhältlich sind. Längst könnte man statt Lichtschaltern im Hauseingang oder in den Gängen konsequent Bewegungsmelder einsetzen, die das Licht nur bei Bewegungen einschalten. Oder es könnten raumindividuelle Heizprofile definiert werden. Alles ohne Komforteinbussen für die Bewohnenden und ohne aktives Zutun, da die Installationen automatisch im Hintergrund ablaufen – wie das Pilotprojekt bewiesen hat.

Man könnte nun an die Politik appellieren, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass durch regulative Vorgaben die Entwicklung und der Einsatz von Technologien zum Energiesparen in Privathaushalten gefördert werden. Als Initiator des Pilotprojektes sehe ich jedoch eine andere Strategie, losgelöst von politischen Prozessen und staatlichen Bevormundungen: Das Bereitstellen innovativer Lösungspakete, die Menschen begeistern und ihnen im Alltag einen Nutzen stiften. Heute hat jeder Haushalt beispielsweise ein Internetmodem, jeder Hausbewohner hat ein Handy. Was liegt näher, als jeden Haushalt mit einem Smart-Home-Gateway aufzurüsten und den Bewohnern die Möglichkeit zu geben, aus der Ferne via Handy auf die Haustechnik zuzugreifen? Mit dieser Vision vor Augen liesse sich in der Schweiz ein grosses Potenzial von technologischer Wertschöpfung für Industrie und Gewerbe realisieren, ganz ohne staatliche Vorgaben.

Weiterführendes Projekt

Nachdem im bisherigen Pilotprojekt fünf Wohnobjekte mit Smart-Home- Technologien ausgerüstet wurden, sollen nun in einem weiteren Schritt – auf privater Basis und ohne staatliche finanzielle Unterstützung – im Kanton Zürich oder in der ganzen Deutschschweiz 25 Wohnobjekte ausgerüstet werden. Dabei sollen neben Einfamilienhäusern auch Wohnungen oder Schulhäuser und Büros berücksichtigt werden. Weitere Informationen entnehmen Sie dem Info-Kasten.

Teilnahme am Projekt

Gesucht werden 25 Wohn- oder Geschäftsobjekte mit Radiatoren, hohem Energieverbrauch und Bewohnern, die affin für neue Technologien sind und einen Beitrag zum Energiesparen, z. B. während ihrer Ferien- und sonstigen Abwesenheiten, leisten möchten. Die Art der Heizung (Öl, Gas, Wärmepumpe) spielt dabei keine Rolle, Energie und CO2 lassen sich überall einsparen. Die zu erwartenden Investitionskosten für derartige Lösungen belaufen sich auf circa 1500 bis 2000 Franken. Sie sollten in den meisten Kantonen steuerlich abzugsfähig sein. Gerne dürfen sich auch innovative Heizungs-, Elektro- oder Storenmonteure und Immobilienverwaltungen melden, die ihren Kunden Smart-Home-Lösungen anbieten möchten. Wenn Sie zu den 25 «early adopters» gehören möchten, melden Sie sich für weitere Informationen via E-Mail unter philippe.pouget@pouget.ch. Mehr Infos zum Pilotprojekt finden Sie unter zh.ch.