Ratgeber Tiere

Fake Rescues – das grosse Geschäft mit dem Mitleid

In den sozialen Medien sammeln sogenannte «Fake Rescues» mit inszenierten Tierrettungen Geld und Aufmerksamkeit. Hinter dem vermeintlichen Tierschutz steckt ein lukratives Geschäft – zulasten der Tiere und jener Menschen, die helfen wollen.

von Esther Geisser

Präsidentin Network for Animal Protection (NetAP)

Das Kätzchen schwimmt verzweifelt im Meer um sein Leben. Das ausgemergelte Pferd, das irgendwo in der Wüste steht, ist kurz vor dem Hungertod. Der Hund mit gebrochenem Bein winselt ängstlich und voller Schmerz im Gebüsch. So ein furchtbares Leid. Doch dann, welch glückliche Fügung des Schicksals, taucht ein Retter auf und befreit das arme Tier aus seiner Not. Das perfekt geschnittene Video geht sofort viral, denn es berührt das Herz. Die Erleichterung beim Zuschauer ist gross – das Tier ist in Sicherheit. Welch wundervolle Geschichte!

Menschliches Mitleid ist etwas Grossartiges. Es hilft, Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu erkennen und zu beseitigen. Doch leider ruft es auch viele Betrüger auf den Plan. Menschen, die dieses Mitleid ausnutzen und genau wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um Herzen zu erreichen, Handlungen auszulösen und vor allem Geldbeutel zu öffnen.

Gut gemeinte Spende fördert Tierleid weiter

Für unzählige Videos werden täglich Tiere absichtlich in extreme Notlagen versetzt und verletzt. Die Videoaufnahmen werden mit möglichst trauriger Musik untermalt. Das Video löst beim Betrachter ein Ohnmachtsgefühl aus, denn das Entsetzen über die Qualen des Tieres trifft mitten ins Herz. Man möchte umgehend helfen. Da man selbst aber nicht handeln kann, greift man aus dieser Ohnmacht heraus zum Geldbeutel. Eine schnelle Spende über eine Bezahlplattform oder mit Kreditkarte beruhigt das Gewissen und gibt einem das Gefühl, Teil der Rettung gewesen zu sein. Man möchte dem im Video perfekt inszenierten «Retter» seinen Dank dafür ausdrücken, dass er zur Stelle war. Ein echter Held. In Wahrheit finanziert man damit nur die nächste Tierquälerei. Denn was funktioniert, wird wiederholt.

Wer nicht spenden kann, kommentiert, teilt oder gibt dem Video sein Like, um so sein Mitgefühl auszudrücken. Auch dies ist ein fataler Fehler. Der Algorithmus der sozialen Medien belohnt jede Interaktion mit noch mehr Reichweite, d. h. man macht für das Video Gratiswerbung. Selbst ein Wut-Smiley oder ein kritischer Kommentar signalisiert der Plattform, dass das Video offenbar spannend ist und zeigt es weiteren Nutzern. Mehr Reichweite bedeutet für die Täter mehr Verbreitung und damit auch mehr Geld. Jeder Klick macht die Betrüger reicher.

Wie erkennt man sogenannte «Fake Rescues»?

Um echten Tierschutz von solchen inszenierten Betrügereien zu unterscheiden, gibt es einige Warnzeichen, die man beachten kann.

Das Video ist zu gut, um wahr zu sein. Häufig läuft die Kamera bereits, bevor das Opfer überhaupt zu sehen ist. Dabei ist die Qualität des Videos für eine zufällige Rettung erstaunlich gut. Beleuchtung, Schärfe, Ton – alles perfekt. Bevor es zur eigentlichen Rettung kommt, wird lange gefilmt, um den Retter und die grosse Not aus möglichst vielen Perspektiven zu zeigen. Das Einzige, was leider wirklich echt ist, ist die Not des für diese Zwecke missbrauchten und gequälten Tieres.

In der Not ist Zeit kostbar. Ist ein Tier in einer Notlage, bleibt selten Zeit, die Szenerie in Ruhe zu filmen, geschweige denn noch verschiedene Perspektiven mit perfekten Einstellungen zu bieten. Vielleicht, wenn man überhaupt noch daran denkt, wird schnell ein Foto geschossen, aber sicherlich nicht ein langes Video gedreht. Echte Tierschützer inszenieren sich nicht selbst als Retter, sondern handeln umgehend, um dem Tier in Not zu helfen. Sie können danach meist nur die Geschichte erzählen und das Bild des geretteten Tieres präsentieren. Um die Geschichte zu untermauern, kann ein Tierschutzverein die Krankengeschichte der behandelnden Klinik zeigen oder die Genesung dokumentieren.

Der Produzent solcher Videos ist meist unbekannt. Diese herzzerreissenden Filmchen stammen selten von echten Tierschutzorganisationen. Entsprechend fehlen auf dem Kanal, auf dem solche Videos veröffentlicht werden, genauere Angaben zum Inhaber des Kanals. Es gibt weder eine Adresse noch ein Impressum. Man scheut wohlweislich die Öffentlichkeit.

Quantität sollte Zweifel wecken. Misstrauisch sollte man auch werden, wenn es gleich mehrere solcher dramatischen Rettungen mit Spendenaufruf auf dem Kanal gibt und häufig der gleiche Retter im Mittelpunkt steht. Natürlich sind Tierschützer täglich mit schlimmen Situationen konfrontiert. Doch echte Rettungen sind meist dem Zufall geschuldet – und kaum jemand hat dabei zufällig ein Filmteam zur Hand.

Das Tier verrät den Täter. Schliesslich kann auch das Verhalten des Tieres darauf hindeuten, dass etwas nicht stimmt. Viele dieser Tiere scheinen ihre vermeintlichen Retter bereits zu kennen – möglicherweise, weil diese selbst für die missliche Lage verantwortlich sind und die Tiere zuvor schon mehrfach misshandelt haben. Auch die Gesamtsituation kann Hinweise auf eine inszenierte Rettung liefern: Wie ist das Tier überhaupt in diese Lage geraten? Wie kommt ein Kätzchen aufs offene Meer oder ein abgemagertes Pferd mitten in die Wüste? Und weshalb kommt es immer wieder zu solchen «zufälligen» Begegnungen?

Die Geschichte endet mit der Rettung. Updates zu den Rettungen fehlen in der Regel. Ein Tierschützer würde jedoch das Happy End auch erzählen wollen. In welcher Klinik wurde das Tier wie behandelt? Wo wurde es anschliessend untergebracht? Hat es sich erholt? Konnte es ausgewildert oder platziert werden? Inszenierte Rettungen bezahlen die Tiere anschliessend oft mit dem Tod oder tragen zumindest Verletzungen und Traumata davon. Die angeblichen Retter investieren nicht Zeit und Geld für Tierarzt und Unterbringung.

Richtig reagieren

Was also ist zu tun, wenn Ihnen solche schrecklichen Videos angezeigt werden? Im Zweifelsfall gilt vier Mal Nein: nicht liken, nicht teilen, nicht kommentieren, nicht spenden. Und am besten melden Sie der Plattformbetreiberin (Facebook, Instagram, YouTube, TikTok etc.) das Video wegen Tierquälerei, damit es gesperrt wird. So können Sie mithelfen, solche grausamen Tiermisshandlungen zu stoppen.

In Wahrheit finanziert man damit nur die nächste Tierquälerei. Denn was funktioniert, wird wiederholt.

Autorin für Tierthemen

Esther Geisser schreibt regelmässig Ratgeber und Fachartikel zu verschiedenen Aspekten der Tierhaltung und des Tierschutzes.
 

Die Juristin ist Präsidentin und Gründerin von Network for Animal Protection (NetAP) und hat ein Diplom als Verhaltenstherapeutin für Kleintiere (I.E.T). Sie ist Mitglied der VIETA und hat die FBA für Betreuungspersonal in Tierheimen inkl. Praktikum erfolgreich absolviert. Im Tierschutz ist sie seit frühester Kindheit aktiv.
 

Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Organisation unter netap.ch sowie in der Rubrik «Tiere».