Wenn die Solarmodule der Photovol-taikanlage blenden, kann das für die Nachbarn problematisch werden. Ein ver-breiteter Irrtum lautet: moderne Solarmodule reflektieren kaum noch Licht und blenden deshalb nicht. Tatsächlich wirft selbst ein gutes, entspiegeltes Modul rund fünf Prozent des Sonnenlichts zurück. Das klingt nach wenig – doch weil die Sonne extrem hell ist und die glatte Moduloberfläche das reflektierte Licht wie ein Spiegel bündelt, reicht dieser kleine Anteil, um zu blenden.
Entscheidend ist dabei nicht, wie viel eine Oberfläche reflektiert, sondern wie gebündelt. Eine weisse Hauswand wirft rund 80 Prozent des Lichts zurück und blendet trotzdem nie, weil sie es diffus streut. Ein Solarmodul mit nur fünf Prozent Reflexion blendet, weil es den Rest konzentriert. Für die Praxis heisst das: Nach Süden ausgerichtete Anlagen sind meist unkritisch. Heikel werden vor allem nach Norden, Osten oder Westen geneigte Dächer – besonders in Hanglagen, wo die Sonne im Früh- und Spätsommer flach über den First auf die Module trifft.
Wann wird die Reflexion zur störenden Blendung?
Blendung wird über die Leuchtdichte gemessen, angegeben in Candela pro Quadratmeter (cd / m²). Verbindliche gesetzliche Grenzwerte kennt die Schweiz nicht. In der Fachwelt haben sich aber Richtwerte etabliert. Die Grafik von Prof. Dr. Christof Bucher von der Berner Fachhochschule (Grafik rechts) zeigt, wo die Grenze zwischen «blendarm» und «störend» liegt – abhängig davon, wie flach das Licht auf das Modul trifft. Dabei gilt: Ein Standard-Solarmodul erreicht rund 5 000 000 cd/ m² und liegt damit weit im roten, störenden Bereich. Ein wirklich blendarmes Modul bleibt dagegen unter etwa 30 000 cd/ m² im grünen Bereich. Erst bei sehr flachen Winkeln über 80 Grad spielt es keine Rolle mehr, weil dann die Sonne selbst im Blickfeld steht («Doppelblendung»).
Was viele nicht wissen: Blendung muss nicht hingenommen werden
Auch wenn es keine gesetzlichen Grenzwerte gibt, existiert eine anerkannte Beurteilungsgrundlage, auf die sich Behörden und Gutachter heute stützen. Dabei handelt es sich um den «Leitfaden zum Melde- und Bewilligungsverfahren für Solaranlagen» des Bundesamts für Energie. Er definiert, wann eine Blendung als kritisch gilt. Massgebend sind Dauer und Häufigkeit. Zunächst ist jedoch die Distanz entscheidend. In Wohnzonen gilt eine Blendung als unkritisch, wenn die Anlage mehr als 100 Meter entfernt ist. Liegen Wohnhäuser näher, ist eine Beurteilung angezeigt. Als kritisch gilt eine Blendung: wenn die Blendung mehr als 30 Minuten pro Tag auftritt und zusätzlich eine der folgenden Schwellen überschreitet:
● mehr als 120 Minuten an einem Tag,
● 60 bis 120 Minuten an mehr als 20 Tagen im Jahr,
● 30–60 Minuten an mehr als 60 Tagen, im Jahr oder in der Summe mehr als 60 Stunden pro Jahr.
Zentrale Botschaft für Hauseigentümer
Wer sich durch eine benachbarte Anlage geblendet fühlt, steht nicht mit einem subjektiven Eindruck allein da. Die Blendwirkung lässt sich objektiv berechnen – und das kostenlos und öffentlich zugänglich über das Werkzeug blendtool.ch des Kantons Bern und im Streitfall durch ein Blendgutachten. Überschreitet eine Anlage die Richtwerte, kann eine Nachbesserung verlangt werden. Umgekehrt gilt dasselbe für Bauherren: Wer eine kritisch ausgerichtete Anlage plant, sollte die Blendwirkung vor dem Bau prüfen. Das erspart teure Nachrüstungen und Konflikte mit der Nachbarschaft.
Verschiedene Lösungswege im Überblick
Ob vor dem Bau oder als Nachbesserung an einer bestehenden Anlage – mehrere Möglichkeiten führen zu einem blendarmen Modul. Sie unterscheiden sich deutlich in Wirkung, Kosten und Praxistauglichkeit.
● Antireflex-Beschichtung des Solarglases: ist bewährt, langlebig und vergleichsweise günstig (z. B. Deflect™). Einziger Nachteil: bei flachen Einfallswinkeln, also genau in den kritischen Früh- und Spätsommer-Situationen, können die Solarmodule weiterhin blenden.
● Strukturiertes Glas streut das Licht und reduziert die Blendung, wirkt aber je nach Winkel unterschiedlich stark.
● Satiniertes (geätztes) Glas: optisch sehr wirksam und langlebig. Das Glas wird mattiert. Nachteile: Das Glas ist re-lativ teuer, in der Herstellung wird Flusssäure benötigt, und es lässt sich nicht nachrüsten – eine bestehende Anlage müsste komplett ersetzt werden.
● Aufsprüh-Beschichtungen: Werden immer wieder als günstige Lösung angeboten, funktionieren aber nach bisherigen Erfahrungen in der Praxis nicht zuverlässig.
● Anti-Blend-Folie: Der flexible Ansatz: eine mikrostrukturierte Folie, die auf das fertige Modul aufgebracht wird. Der grosse Vorteil dabei ist die Nachrüstbarkeit. Die Folie lässt sich auch auf bereits installierte Anlagen aufbringen, sogar ohne Demontage der Module.
Die Folienlösung im Detail
Weil sich Blendprobleme häufig erst nach der Installation zeigen, hat die nachrüstbare Folie einen wichtigen Platz eingenommen. Der Hersteller Phytonics gibt an, die Reflexion um rund 97 Prozent zu reduzieren. Die Folie basiert auf einer UV-stabilen Trägerfolie mit einer mikrostrukturierten, kratzfesten Spezialschicht. Referenzen gibt es unter anderem an mehreren europäischen Flughäfen, wo Blendfreiheit sicherheitsrelevant und behördlich vorgeschrieben ist. Dass die Fachwelt diesen Weg ernst nimmt, zeigt auch die Gutachterpraxis: In einem aktuellen Blendgutachten für Freiflächenanlagen empfahlen die Sachverständigen für die kritischen Modulreihen ausdrücklich, entweder satiniertes Glas zu verwenden oder die Spezialfolie aufzutragen, die einen ähnlichen Effekt erzielt.
Fazit
Eine blendende Solaranlage ist heute weder ein Grund, auf Solarstrom zu verzichten, noch etwas, das Betroffene stillschweigend ertragen müssten. Blendung lässt sich mit geeigneten Produkten verhindern oder beheben. Blendschutz Schweiz AG






