Photovoltaik

Solar-Mythen im Faktencheck

Die Photovoltaik ist noch immer mit vielen Vorurteilen behaftet: unbedeutend, unzuverlässig, im Winter nutzlos, unrentabel. Wir prüfen, ob diese Zuschreibungen gerechtfertigt sind.

von Remo Bürgi

Faktor Journalisten

2026 sollte die Photovoltaik etwa 17 Prozent des jährlichen Strombedarfs der Schweiz decken, während es im vergangenen Jahr erst etwa 14 Prozent waren. Damit ist sie nicht nur der am schnellsten wachsende Energieträger, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihres Erfolgs halten sich einige hartnäckige Vorurteile gegenüber der Solarenergie. Unser Faktencheck zeigt, ob an den Mythen etwas dran ist.

Mythos 1: Photovoltaik ist unbedeutend

Ist die Solarenergie nur ein Nischenprodukt ohne reellen Einfluss auf die Energieversorgung der Schweiz? Die Antwort darauf ist ein klares «Nein». Die rund 350 000 Photovoltaikanlagen von St. Gallen bis Genf und von Basel bis Lugano dürften dieses Jahr gemäss EnergieSchweiz insgesamt rund 10 Terawattstunden Strom liefern – mehr als das grösste Schweizer Kernkraftwerk in Leibstadt. Diese gewaltige Menge Solarstrom trägt zur sicheren und bezahlbaren Energieversorgung der Schweiz bei und ist überdies ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor. Die hiesige Solarbranche erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von etwa 2,5 Milliarden Franken und bietet rund 10 000 Vollzeitstellen. Die Photovoltaik ist also längst keine experimentelle Nischentechnologie mehr, sondern eine bewährte Methode zur Erzeugung von erneuerbarer Elektrizität. Zudem ermöglicht sie es den Besitzerinnen und Besitzern von Eigenheimen, auf und an ihrem Gebäude Strom zu produzieren und damit unabhängiger zu werden von wechselhaften Strommarktpreisen.

Mythos 2: Photovoltaik ist unzuverlässig

Oft hört man: Wenn die Sonne nicht scheint, erzeugen Photovoltaikanlagen keinen Strom und sind daher keine zuverlässigen Energielieferanten. Doch das stimmt nur teilweise: Richtig ist, dass die Stromproduktion sinkt, wenn es beispielsweise wegen Wolken am Himmel keine direkte Sonneneinstrahlung gibt. Aber: Solarzellen können auch diffuses Sonnenlicht, das durch eine Wolkendecke dringt, in Elektrizität umwandeln. Nur in der Nacht produzieren Solaranlagen tatsächlich gar keinen Strom.

Dass die Stromproduktion von der Tageszeit und dem Wetter abhängt, bedeutet indes nicht, dass man sich nicht auf sie verlassen kann. Durch die Kombination mit einem Batteriespeicher und einem Energiemanagementsystem lässt sich Solarstrom rund um die Uhr verfügbar machen. Heute wird bereits bei jeder zweiten Solaranlage auf einem Einfamilienhaus ein solcher Speicher mit eingebaut – und dank stark sinkender Anschaffungskosten werden diese Batteriespeicher immer wirtschaftlicher. Mit einem solchen System erhalten Eigentümerschaften eine verlässliche und kostengünstige Stromquelle für ihr Eigenheim.

Mythos 3: Photovoltaik ist im Winter nutzlos

Dass Solaranlagen im Winterhalbjahr weniger Strom erzeugen als während der Sommermonate, ist richtig. Nichtsdestotrotz hat die Photovoltaik auch in der kalten Jahreszeit ihren Wert, stellt sie doch eine hervorragende Ergänzung zu den anderen erneuerbaren Energiequellen dar, allen voran zur Wasserkraft. Bekanntlich haben die Speicherseen gegen Ende des Winters tiefere Füllstände – da trägt jede Kilowattstunde Winter-Solarstrom dazu bei, die gespeicherten Kapazitäten zu schonen und so die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Denn auch wenn die Solaranlagen im Sommer mehr Strom erzeugen, ist die Produktion im Winter keinesfalls vernachlässigbar. Die Photovoltaik ist derzeit sogar die einzige einheimische Energiequelle, deren Winterstromproduktion wesentlich zunimmt. Dies senkt den Importbedarf und erhöht die energetische Unabhängigkeit der Schweiz.

Auch private Eigentümerschaften profitieren von winterlichem Solarstrom, insbesondere wenn ihre Solaranlage an einer Fassade installiert ist. Bei einer vertikalen Ausrichtung können die Photovoltaikzellen die wegen der tiefstehenden Sonne flach eintreffenden Sonnenstrahlen besonders gut einfangen und generieren so im Winter mehr Ertrag als klassische Aufdachanlagen. Gut zu wissen: Es gibt spezielle Förderbeiträge für Solaranlagen, die vertikal ausgerichtet sind.

Mythos 4: Photovoltaik ist unrentabel

Die meisten Energieversorger bezahlen heute eine tiefere Vergütung für eingespeisten Solarstrom als noch vor einigen Jahren. Das bedeutet indes nicht, dass Solarstrom unwirtschaftlich geworden ist, denn heute gibt es viel mehr Möglichkeiten als früher, wie man ihn gewinnbringend verwenden kann. Im Fokus steht ein hoher Eigenverbrauch: Versorgt man etwa die Wärmepumpe und das Elektroauto mit eigenem Strom, muss weniger Strom aus dem Netz bezogen werden. Die immer kostengünstigeren Batteriespeicher erlauben eine weitere Erhöhung des Eigenverbrauchs. Zudem besteht die Möglichkeit, den Solarstrom über einen Stromverbund (ZEV, vZEV, LEG) in der Nachbarschaft zu vermarkten.

Seit Anfang 2026 ist zudem die Einführung dynamischer Stromtarife erleichtert, die nun nach und nach von den Energieversorgern lanciert werden dürften. Sie richten sich im Gegensatz zu den bisherigen Einheitstarifen nach Angebot und Nachfrage. Der Netzstrom wird dann teuer sein, wenn das Angebot tief und die Nachfrage hoch ist. Steht viel Strom zur Verfügung, aber die Nachfrage ist tief, ist der Netzstrom günstiger zu haben. Durch diese dynamische Strompreisgestaltung lässt sich Solarstrom gezielt dann nutzen, wenn der Netzstrom teuer ist, wodurch man viel Geld spart. Schliesslich ist es auch möglich, die Steuerung von Solaranlage, Speicher und grossen Stromverbrauchern teilweise dem Netzbetreiber zu überlassen. Für diese Flexibilität erhält man eine Entschädigung (siehe Box).

Fazit: Photovoltaik wird immer attraktiver

Der Mythen-Check zeigt, dass viele Vorurteile über die Solarenergie nicht (mehr) der Realität entsprechen. Dezentrale Photovoltaikanlagen sind ein elementarer Bestandteil der Schweizer Stromversorgung und ermöglichen es den Besitzerinnen und Besitzern, ihre Stromkosten zu senken und unabhängiger zu werden.

Wer noch nicht über eine Photovoltaikanlage verfügt und prüfen will, wie gross das Solarpotenzial seines Eigenheims ist, kann dies mit dem Solarrechner von EnergieSchweiz (siehe Box) tun. Dazu gibt man die Adresse des Gebäudes ein und macht einige Angaben zum Verbrauch. Anschliessend erstellt der Rechner detaillierte Angaben dazu, wie viel Strom und eventuell Wärme (Solarthermie) produziert werden könnten. Zudem zeigt er die Kosten, mögliche Förderbeiträge, den Eigenverbrauchsanteil und die Amortisationsdauer des Projekts.

«Der Zubau von Photovoltaik in der Schweiz in den letzten Jahren ist beeindruckend. Keine andere Energieform hat seit 2010 bei der Stromproduktion so stark zugelegt wie die Photovoltaik.»

Christian Schaffner, Geschäftsführer des Energy Science Center der ETH Zürich.

«Sonne und Wind liefern ihre Energie wetterabhängig. Dies ist die neue Realität im Stromsystem. Die flexible Wasserkraft ist im europäischen Vergleich ein grosser Standortvorteil für die Schweiz und macht zusammen mit der internationalen Einbindung ein Energiesystem mit viel mehr Erneuerbaren trotzdem zuverlässig.»

Christian Schaffner, Geschäftsführer des Energy Science Center der ETH Zürich.

Flexibilität bieten

Der Begriff «Flexibilität» bedeutet in der Energiebranche, dass Anlagen zum Erzeugen, Verbrauchen oder Speichern von Strom kurzfristig an eine veränderte Nachfrage angepasst werden können. Das ist entscheidend, um die Netzfrequenz von 50 Hertz stabil zu halten, wofür in der Schweiz die nationale Netzgesellschaft Swissgrid zuständig ist. Um kurzfristige Schwankungen der Netzfrequenz auszugleichen, ruft sie Flexibilität ab, sogenannte Regelenergie. Diese wird vorgängig vereinbart, von unterschiedlichen Anbietern bereitgestellt und von Swissgrid entsprechend entschädigt.

 

Eine Möglichkeit, die Flexibilität kleiner Anlagen zu vermarkten, ist die Teilnahme an einem virtuellen Kraftwerk: Viele einzelne Anlagen – etwa Photovoltaikanlagen, stationäre Batterien oder Ladestationen für Elektroautos in Einfamilienhäusern – werden zu einem grossen, gemeinsam steuerbaren Pool gebündelt. Dieser kann Leistung aufnehmen, abgeben oder gezielt abregeln und wird so am Flexibilitätsmarkt angeboten. Mit diesem Modell tragen auch kleinere Marktteilnehmer aktiv zur Sicherheit des Stromnetzes bei und erschliessen sich zugleich neue Einnahmen für ihre Anlagen.