«Ein leiser Hauch von Ruhe und Frieden in einer lauten Welt» – so beschreibt das Pantone Color Institute die Farbe des Jahres 2026. «Cloud Dancer» ist streng genommen gar keine Farbe, sondern ein sanfter, leicht vergrauter Weisston. Zum ersten Mal in 26 Jahren erhält ein Weiss diese Auszeichnung. Ruhe und Frieden können wir derzeit in der Tat gut gebrauchen. Und doch bleibt da ein Fragezeichen, wenn man den sogenannten Wolkentänzer genauer betrachtet. Sind nicht schon seit Langem viele Wände in unseren Wohnungen in genau diesem leicht gebrochenen Weiss gestrichen? Wo also liegt da die Innovation?
Dennoch lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die bewusste Auseinandersetzung mit einer Farbe – oder in diesem Fall mit einer unbunten Farbe – kann neue Perspektiven eröffnen. Laurie Pressman vom Pantone Color Institute spricht von einer «Zeit der Transformation». Die Farbe «Cloud Dancer» mit der technischen Bezeichnung 11-4201 fördere die Konzentration und befreie von äusseren Ablenkungen. In einer Welt permanenter Reize klingt das zumindest plausibel.
Kontrast zur aktuellen Weltlage
Gleichzeitig ist die Wahl gewagt. Weiss steht für das Leichte, Unbeschwerte, Frische, Helle. Ein Kontrast zur aktuellen Weltlage. Vielleicht liegt gerade darin ihre Kraft. Weiss ist die «unbeschriebene», in allen Wirkungen offene, ungerichtete und in keinen Dienst gestellte Farbe, schrieb schon der Farbpsychologe Eckart Heimendahl in seinem Buch «Licht und Farbe». Sie sei dafür bereit, sich allem hinzugeben und keine Macht zu beanspruchen. «Weiss ist die Farbe ohne Ton und bietet gerade dadurch, wie ein weisses Papier, allen anderen Farben die Möglichkeit, ihre Farbtöne zum Sprechen zu bringen.» Es ist eine Haltung der Zurückhaltung – und damit durchaus zeitgemäss.
Tatsächlich setzt dieser Farbton einen stillen Kontrapunkt in einer von Hektik und Überreizung geprägten Zeit. Er drängt sich nicht auf, er provoziert nicht, er dominiert nicht. Gerade deshalb eignet er sich für die Raumgestaltung. Er vermittelt Ruhe, schafft Klarheit und lässt Atmosphäre entstehen, ohne sie vorzuschreiben.
Weiss ist nicht gleich Weiss
Freilich ist Weiss nicht gleich Weiss. Allein im RAL-System existieren neun unterschiedliche Weisstöne, die alle auf Titanweiss basieren und doch jeweils anders wirken. Noch eindrücklicher zeigt sich die Vielfalt bei der Firma ktColor in Uster (der Showroom ist jeden Mittwoch von 13–16 Uhr ohne Voranmeldung geöffnet). Dort umfasst die Weiss-Palette 26 differenzierte Nuancen. Je nach Unterton – warm, kühl, gebrochen, pudrig – verändert sich die Wirkung im Raum spürbar.
Weil Weiss keine eigentliche Farbe im klassischen Sinn ist, lebt sie vom Zusammenspiel. Weisse Wände funktionieren wie eine Leinwand, auf der Möbel, Kunst und Textilien zur Geltung kommen. Schon ein minimaler Farbimpuls genügt, um Spannung im Raum zu erzeugen. Zudem reagiert Weiss unterschiedlich auf Licht, Tageszeit oder Materialität. Auch die Umgebung beeinflusst das Erscheinungsbild. In Kombination mit Holz, Leinen oder anderen Naturtextilien wirkt es weich und einladend. Im Dialog mit Chrom, Glas oder Marmor hingegen erscheint es reduziert, ja fast kühl.
Möbel in «Cloud Dancer»
Wer seine Wände nicht im «Cloud Dancer»-Farbton oder dem hierzulande üblichen RAL 9010 streichen möchte, kann den Bezug subtiler herstellen – etwa über Möbel. Helle Stücke lassen kleinere Räume grosszügiger erscheinen und verleihen ihnen Leichtigkeit. Gerade in kompakten Grundrissen kann ein Weisston optisch Luft schaffen. Einziger Vorbehalt: In Haushalten mit Kindern oder Haustieren sind helle Polster nicht ganz unproblematisch. Ein Spritzer Tomatensauce, ein Glas Rotwein oder nasse Pfoten hinterlassen schnell sichtbare Spuren.
Es braucht dazu nicht gleich eine radikale Neugestaltung des Interieurs. Viel schöner ist es, wenn man die Trendfarbe dosiert einsetzt und nach besonderen Stücken sucht. Besonders geeignet sind Leuchten: die Stehleuchten Bianca von Fontana Arte (7) oder Concert von Fritz Hansen (6), ebenso Tischleuchten wie Panthella von Louis Poulsen (5), Arum von Ferm Living oder Jazz von Vibia (3). Sehr schön wirkt auch die Tischleute Earth der Marke Serax – handmodelliert aus Pappmaché und eine gelungene Verbindung von traditionellem Handwerk und zeitgenössischem Design.
Grössere Möbelstücke setzen entsprechend stärkere Zeichen. Der Couchtisch Develius von &Tradition (2) dient nicht nur als Ablage, sondern auch als Bühne für Objekte und bietet selbstverständlich auch Platz für ein Buch oder eine Kaffeetasse. Ein zeitloser Klassiker ist das WOGG-Sideboard von Benny Mosimann. Klar in der Form, zurückhaltend im Ausdruck. Ebenso das Sideboard Mono von Thut (8), das mit viel Stauraum im Ess- oder Arbeitszimmer überzeugt. Platzsparend zeigt sich der Schirmständer Kant des Schweizer Labels Mox – ein kleines, aber praktisches Möbel.
Weisse Akzente im Interieur lassen sich auch über Sitzmöbel setzen. Der Classic-Chair von Verner Panton für Vitra oder der Stuhl Moser von Horgenglarus bringen Leichtigkeit in den Raum und sind zudem auch noch pflegeleicht. Gleiches gilt für den Bibendum Armchair von Eileen Gray für Classicon (1) – ein Designklassiker mit skulpturaler Präsenz. Anspruchsvoller im Alltag sind Möbel mit Stoffbezügen wie das Sofa Rico von Ferm Living oder der Sessel Melvia von Kave Home. Wer sich tatsächlich wie ein Wolkentänzer oder eine -tänzerin fühlen möchte, findet im Pacha Lounge Chair von Gubi (4) genau das passende Stück. Seine weichen, geschwungenen Formen vermitteln beinahe das Gefühl, auf einer Wolke zu sitzen. Mag es draussen in der Welt noch so turbulent zugehen – im eigenen Zuhause darf es ruhig sein. «Cloud Dancer» liefert dazu keine spektakuläre, aber eine stille und überzeugende Grundlage.

















