Umzug eines Hauses

Rettende Reise für das «Gässlihaus»

In Grabs SG wurde ein 350-jähriges Strickhaus vor dem Abbruch gerettet und an einem neuen Ort liebevoll wiederaufgebaut und restauriert. Das Projekt gelang dank des grossen Engagements von Bauherrschaft, Architekten und lokalen Handwerkern.

von Michael Staub

Journalist BR, Kriens

Die evangelische Kirche von Grabs steht in einem ruhigen Quartier, das ein bisschen Ländlichkeit bewahrt hat. Ein Dutzend Schafe grast auf einer umzäunten Wiese. Das Bimmeln ihrer Glocken vermischt sich mit dem Stundenschlag vom Kirchturm. Wenige Schritte weiter steht ein dreigeschossiges Strickhaus. Frisches, leuchtendes Holz dominiert seine Fassaden. Doch die sonnenverbrannten Balken der Dachkonstruktion zeigen, dass das Gebäude wesentlich älter ist. Bis vor kurzem stand es einige Hundert Meter weiter westlich, in einem anderen Teil von Grabs.

Sorgfältiger Umzug

Wegen jahrzehntelanger Vernachlässigung war das «Gässlihaus» in seiner Bausubstanz stark geschädigt. Deshalb wurde es 2019 trotz seines Alters aus dem Schutzinventar entlassen und sollte abgerissen werden, um einem Neubau Platz zu machen. «Das hätte uns, aber auch vielen anderen in Grabs das Herz gebrochen», sagt Ronan Crippa. Gemeinsam mit Timothy Allen, seinem ehemaligen Studienkollegen im Architekturdepartement der ETH, und verschiedenen Leuten im Dorf gründete er eine Interessengemeinschaft. Dank hartnäckiger Überzeugungsarbeit, vielen Sympathien im Dorf und einer engagierten Bauherrschaft gelang den beiden jungen Grabser Architekten schliesslich die «Züglete». Das Gässlihaus konnte weiterbestehen – auf der anderen Seite des Dorfes.

Zuerst musste das Gebäude Balken für Balken demontiert werden. Diese Arbeit geschah zwischen 2023 und 2024 und war noch relativ einfach. «Viele Verbindungen wurden mit Holznägeln realisiert. Wir haben Balken für Balken entfernt, nummeriert und das ganze Material auf zwei Pritschen zwischengelagert», berichtet Peter Gasenzer, Geschäftsführer der Egga Holzbau AG. Das etappierte Vorgehen ermöglichte den Holzbauern einen genauen Blick auf jedes Bauteil. Von der originalen Bausubstanz wurde so viel bewahrt, wie nur möglich war. «Doch bei tragenden Balken oder Fussböden muss die Statik funktionieren. Deshalb haben wir einige Bauteile mit frischem Holz aus der Region und sehr viel Handarbeit ersetzt», berichtet Peter Gasenzer. Das Motto lautete sinngemäss: Hobel und Handsäge statt Elektrowerkzeug. Rechte Winkel oder gerade Linien müsse man gar nicht erst suchen, sagt Peter Gasenzer: «In und an diesem Haus ist alles ein bisschen schief. Aber genau das macht seinen Charme aus.»

Gebäude mit Geschichte

Der Kern des «Gässlihauses» datiert gemäss dendrochronologischen (das Alter des Holzes bestimmenden) Untersuchungen ungefähr auf 1670. Das Tätschhaus besass damals zwei Geschosse und einen kleinen Keller. Ronan Crippa führt über steile Treppen ins Dachgeschoss, das um 1820 im Zug einer Aufstockung entstand. Die Balken des Dachstuhls sind auffällig roh behauen und weniger sauber verarbeitet als diejenigen im Untergeschoss. Kein Wunder: Bei solchen Projekten waren häufig nicht nur Zimmerleute beteiligt, sondern auch Bauern aus dem Dorf. «Nicht alle arbeiteten mit dem gleichen Anspruch an Genauigkeit oder Schönheit wie ein Holzbauer. Auch solche Geschichten erzählt dieses Haus als Bauzeuge», berichtet Ronan Crippa.

Unter dem neuen Steildach wurde eine Firstkammer eingebaut, und das Dach wurde anstelle der vorher üblichen, mit Steinen beschwerten Brettern mit kleinen Holzschindeln gedeckt. «Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das eine typische Veränderung. Die eisernen Nägel wurden günstiger, und somit konnte es sich auch die breite Bevölkerung leisten, das Dach mit Holzschindeln zu decken», sagt Ronan Crippa. Die Verwandlung vom Tätsch- zum Schindeldach sei gewissermassen ein «Archetyp des regionalen Bauens im Rheintal». Die Holzschindeln sind aber schon lange verschwunden. Nun decken «neue alte» Ziegel das Dach. Sie stammen von einem Stall, der in der Nähe abgerissen wurde. Der eindrückliche Rauchfang im Erdgeschoss wurde vom Ofenbauer von Hand neu aufgemauert. Und ein Teil des Natursteinkellers wurde mit den originalen, über 300 Jahre alten Steinen vom alten Standort erstellt. Als Ergänzung diente das Material einer Felssprengung am Flumserberg. Mit Materialien aus der Umgebung zu bauen, war früher selbstverständlich. Heute ist es die beeindruckende Ausnahme. Dasselbe gilt für die «Züglete». Denn Strickbauten seien keineswegs nur stationär gewesen, sagt Ronan Crippa: «Weil sie relativ leicht demontiert werden konnten und früher das Material teuer, aber die Arbeitskräfte billig waren, hat man diese Häuser relativ oft verschoben. Sie galten darum als Fahrhabe, ergo als beweglicher Besitz.»

Liebevolle Details

Beim Wiederaufbau des Hauses auf der neuen Parzelle blieb man möglichst nahe am Original. So wurden unter anderem die regionaltypischen Zugläden sorgfältig wiederhergestellt: Um das Fenster zu verdunkeln, wird ein Holzbrett an einem Zugband hochgezogen. Eine charmante Variante zu den heute üblichen Fensterläden oder Markisen. Auch die rautenförmigen Verzierungen, die einzelne Felder an der Fassade schmücken, wurden wiederhergestellt.

Für den Abbau und Wiederaufbau des Hauses standen auf der Baustelle immer drei bis fünf Holzbauer im Einsatz, unterstützt von einem Kranführer. Beim Wiederaufbau wurde die Aussenwand auf der Nordseite verstärkt. Am alten Ort grenzte sie noch an den Viehstall, am neuen Ort bildet sie den Übergang zum angrenzenden, neuen Lehmbau. «Es brauchte einige Anpassungen, denn an diesem Haus war fast alles schief. Vorher stand es fast zehn Zentimeter im Gefälle, nun ist es wieder im Senkel. Am Resultat haben wir jedenfalls grosse Freude», sagt Peter Gasenzer.

Neue Feriendestination

So schön das Gässlihaus auch ist, eignet es sich doch nur bedingt für moderne Wohn- oder Gewerbenutzungen. Deshalb bildet es zusammen mit dem Stampflehmbau ein Ensemble, das ganzjährig genutzt werden kann. Um beide Gebäude verläuft ein aufwendig bepflanzter Waldgarten mit Obstbäumen, Sträuchern und Gemüse. Der Neubau dient als Schulungszentrum für Themen wie Permakultur, ökologische Kreisläufe und Klimaschutz. Dafür befindet sich im Erdgeschoss ein grosszügiger, überhoher Raum. Im Obergeschoss ist eine Wohnung untergebracht. Das Gässlihaus hingegen kann, wenn es nicht gerade für Kurse genutzt wird, als Feriendomizil für bis zu sechs Personen gemietet werden. Zwei Stuben, drei verschiedene Schlafräume und ein bisschen Holzherd-Romantik sorgen für Abwechslung. «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten», wie es auf der Website heisst. Allerdings nicht auf einer entlegenen Alp, sondern mitten in Grabs – inklusive Glockenbimmeln und Handy-Empfang.