Die Natur dient seit Urzeiten für viele Lebens- und Wirtschaftsbereiche als Vorbild, wenn es um effiziente, selbstregulierende Systeme oder Formgebungen geht – und dies weit über die naturwissenschaftlichen Disziplinen hinaus. Für Forscher und Entwickler steht dabei die Frage im Zentrum, wie die Natur eine konkrete Fragestellung oder eine bestimmte Herausforderung löst. Das Ökosystem Wald kann als Vorbild für den Städtebau, also das System Stadt, verstanden werden, während der einzelne Baum mit seiner Bandbreite an Eigenschaften exemplarisch als funktionale Metapher für den Bau von Gebäuden steht. Die Bauwirtschaft ist in den letzten Jahren besonders bemüht, den Kohlenstoffausstoss möglichst zu vermeiden und durch Kohlenstoffsenken CO2 aus der Atmosphäre zu binden.
Früh in der Schule haben wir bereits gelernt, dass Bäume der Luft CO2 entziehen und durch Photosynthese Sauerstoff (O2) freigeben, während der Kohlenstoff im Baum gebunden wird. Darüber hinaus schaffen Bäume durch die sogenannte Verdunstungskühlung in ihrer direkten Umgebung, für uns alle spür- und messbar, Temperaturreduktionen. Ich mag mich noch gut an Schullektionen in Biologie und Erdkunde erinnern, die unmissverständlich zu verstehen gaben, dass die Ökosystemleistungen der Natur, die unseren Planeten auszeichnen, Leben auf der Erde erst ermöglichen. Zunehmend musste aufgrund von Expansion und Verdichtung die Natur aber unseren gesellschaftlichen Ansprüchen ans Wohnen und Arbeiten sowie für Infrastrukturanlagen für Mobilität weichen. Wir sind Teil der Natur und müssten sie uns demnach zunutze machen. Wenn wir sie verdrängen, verlieren auch wir vermehrt die Basis unseres Naturseins.
Ökosystemleitungen – das Baumhaus mal anders gedacht
Bäume wachsen naturgemäss nach oben, gegen den Himmel, ob im Wald als Verbund oder als freistehende Solitäre. Bekannterweise findet ein Grossteil des Lebens im Wald in den Baumkronen, quasi in den Obergeschossen statt, während der Waldboden, das «Erdgeschoss», frei bleibt. Dies, um Flora und Fauna mit natürlichen Ressourcen aus dem Boden zu versorgen und, wie bei der Symbiose zwischen Pflanzenwurzeln und Pilzen, Synergien zu nutzen.
Angewandt auf den Städtebau bliebe nach diesem natürlichen Prinzip am Boden Platz für kurze, direkte Wege ,und durch geringere Bodenversiegelung wären notwendige bodennahe Funktionen wie Wasserspeicherung, Filterfunktion und Abfluss wieder auf natürliche Art möglich. Idealerweise würde jede Bautätigkeit auch Ökosystemleistungen unterstützen, indem sie die Natur nutzt und ihr möglichst ihren natürlichen Lauf lässt. Die grössten Herausforderungen in der technischen Umsetzung liegen dabei im Baurecht, der Statik, dem Schall- und Brandschutz sowie in der Baustellenorganisation. Gebäude müssen weit über dem Boden mit dem nötigen Material zum Bau versorgt und mit den notwendigen Ver- und Entsorgungsleitungen für Wasser, Abwasser und Energie in Form von Wärme und Elektrizität ausgestattet werden.
Die «Technik» der Natur nutzt zur Wasserversorgung etwa, um beim Beispiel des Baumes zu bleiben, Kapillarkräfte im Innern des Stammes, um auch die abgelegensten Zweige zu bedienen. Auch aus der Schulzeit blieb mir die Faustformel, wonach das Wurzelwerk eines Baumes in etwa die Ausweitung seiner Krone hat und dadurch als Spannanker wirkt. So kann der Baum Erdbeben, Wind und Wetter gut standhalten.
Um- und Nachdenken – sich der Ideen der Natur bewusst werden
Natur- und klimaangepasster Städtebau sowie das eigentliche Leben im Siedlungsraum verlangen dezentrale, natürliche Versorgungstrukturen, basierend auf dem Quartiergedanken. Virtuelle Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (vZEV), lokale Energiegemeinschaften (LEG) und Wärmeverbünde machen da zumindest von der technischen Seite her bereits erste kleine Schritte. Konsequentes, ganzheitliches, naturbasiertes Bauen lässt sich aber selbst mit den innovativsten Akteuren in der Bauwirtschaft nicht über Nacht umsetzen, darum geht es auch nicht. Es sind die vielen nötigen kleinen Schritte, wie bereits realisierte Plusenergiehäuser, Dach- und Fassadenbegrünungen, der Schwammstadtgedanke, biologische Dämmstoffe und kreislauffähige Bauteile, die den Weg zurück zur Natur vorgeben. Solche Leuchtturmprojekte leisten wichtige Beiträge zur Sensibilisierung unserer Gesellschaft im sorgsamen Umgang mit der Natur als unseren existenziellen Lebensraum. Entscheidend für die künftige Qualität unseres gebauten Raums werden neue Thematiken im Städtebau wie Urban Gardening, vertikale Landwirtschaft zur lokalen Nahrungsmittelproduktion oder die Schaffung und der Erhalt von Lebensräumen und Nischen für die Vielfältigkeit der lokalen Fauna.
Der Natur und uns zuliebe wird kein Weg am Umdenken vorbeiführen, bis hin zum Nachdenken über alterna-tive, natürliche Bauweisen. Es gilt, die Weichen richtig zu stellen. Die Kosten und Auswirkungen auf unseren Lebensraum aufgrund zunehmend starker Naturereignisse, der Naturzerstörung und des Artensterbens sind langfristig betrachtet massiv höher als die zu erwartenden leicht höheren Baukosten. Bauen muss mit der Natur und nicht in Konkurrenz gesehen werden. Negative Eingriffe in die Natur durch Bauvorhaben müssten vor Ort positiv und auf natürliche Weise, nicht durch Zertifikatsausgleich, zu 100 Prozent ausgeglichen werden. Wir brauchen zudem die Einsicht – um auch mit der Analogie Baum zu schliessen –, dass wir, zwar nicht gedanklich, aber beim Bauen, genauso wie Bäume in der Höhe begrenzt sind. Das aufmerksame Auge erkennt in der Fülle der Natur bei genauem Hinschauen die Fülle möglicher natürlicher Lösungsansätze für zukunftsfähiges Bauen und Leben. Manchmal pfeifen uns die Vögel die Ideen wahrscheinlich lautstark von den Baumwipfeln, wir müssen nur lernen, aufmerksam zuzuhören.





