Die Schlagzeilen in den Medien wiederholen sich seit einigen Jahren: Mehr Überschwemmungen, neue Hitzerekorde, längere Dürreperioden. Von den Folgen des Klimawandels sind speziell die urbanen Gebiete mit ihren zahlreichen versiegelten Flächen betroffen – und damit immer auch eine grosse Zahl von Menschen. Lösungen zur Minderung der Auswirkungen solcher Extrem-Wetterereignisse gibt es einige – Dachbegrünungen gehören mit dazu. Insbesondere, wenn sie als Retentionsdach aufgebaut sind.
Der lateinische Begriff «retentio» bedeutet «das Zurückhalten». Und dies ist auch eine von mehreren Funktionen des Retentionsdachs: Es führt das Regenwasser nicht sofort vom Flachdach weg, sondern hält es zurück. Ein Retentionsdach-System besteht aus mehreren Schichten: Zuoberst die Bepflanzung (extensiv oder intensiv) und das Substrat, darunter ein Filtervlies, dann das Retentionselement und zuunterst, über der Dachabdichtung, eine Faserschutzmatte (vgl. Grafik). Bereits die erste Schicht mit dem Substrat hilft, das Regenwasser zurückzuhalten: «Eine übliche Extensivbegrünung speichert bereits zwischen 30 und 50 Liter Regenwasser pro Quadratmeter», sagt Christoph Harlacher von der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG). Unter Extensivbegrünung wird eine einfache Dachbegrünungsart mit geringer Substrathöhe verstanden, die vorwiegend aus Moosarten, Sedum oder Gräsern besteht. Bei einer Intensivbegrünung liegt die Speicherkapazität bei rund 70 bis 150 l / m2. Mit Intensivbegrünungen, die eine Substratdicke von 20 bis 40 Zentimetern erfordern, erhält das Dach den Charakter eines Gartens und kann auch mit Sträuchern, Stauden oder gar Bäumen bepflanzt werden. Ist die Aufnahmekapazität der ersten Schicht erreicht, fliesst das Regenwasser in die darunter liegenden Schichten, wo es in Retentionselementen aufgefangen und wiederum zwischengespeichert wird. Der Wasserabfluss dieser wabenartigen Elemente aus Kunststoff-Hohlkörpern wird durch eine statische Drossel am Ablauf oder Überlauf reguliert. So können bis zu 95 Prozent Wasser zurückgehalten werden. «Bei Starkregenereignissen wird dadurch beispielsweise die Kanalisation weniger belastet und die Gefahr von Überschwemmungen kann reduziert werden», bringt es Harlacher von der SFG auf den Punkt.
Wasser während Hitzeperiode
Ein weiterer Vorteil: Systeme, die über eine Kapillarwirkung verfügen, können das in den Retentionselementen zurückgehaltene Regenwasser in die Substratschicht zurückführen. So steht dieses gerade während Hitze- oder Trockenperioden den Pflanzen zur Verfügung und wird verdunstet. Dies wiederum hilft mit, das Stadtklima abzukühlen und die Entstehung urbaner Hitzeinseln zu vermindern. Denn damit Wasser verdunsten kann, muss der Umgebung Wärme entzogen werden. Weil aber die Oberflächen der Städte grösstenteils versiegelt sind, wird das meiste Regenwasser abgeführt, statt zu verdunsten. «Dies ist ein Grund, warum heute das Prinzip der sogenannten Schwammstadt in den Stadtplanungen immer mehr Aufmerksamkeit findet», sagt Harlacher von der SFG. Also eine Stadt, deren Oberflächen Wasser wie ein Schwamm aufsaugen und bei Hitze wieder abgeben. Das Retentionsdach ist ein wichtiger Bestandteil dieses Prinzips.
Natürlich gilt es, die zusätzlichen Lasten durch das gespeicherte Wasservolumen bei der Planung zu beachten. Je nach Rückhaltevolumen kann die zusätzliche Belastung rund 50 bis 160 kg / m2 Dachfläche betragen. Bei Neubauten kann dies bei der Tragwerksplanung direkt miteingerechnet werden. Bei bestehenden Gebäuden ist zu prüfen, ob die vorhandene Tragkonstruktion oder andere Bauteile verstärkt werden müssen. Im Vergleich mit einem Kiesdach hat man mit dem Retentionsdach jedenfalls nicht nur optisch ein schöneres Dach, sondern auch eines, das über die gleichen positiven Funktionen verfügt, wie das vom Gebäude überbaute Erdreich. Man könnte es fast schon als eine Art der Wiedergutmachung betrachten. SFG
Weitere Infos
Auf der Webseite der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG) kann unter «Mitgliederverzeichnis» mit dem Filter «Entwässerungs- und Speichersysteme» nach Retentionsdach-Spezialisten gesucht werden.







