Miniwald

Ein Wald für die Stadt

Ein Wald aus heimischen Gehölzen auf gerade mal  60 m² – und das mitten in der Stadt? Das geht, wenn er nach dem Konzept des «Tiny Forest» entwickelt wird.

von Judith Supper

Journalistin

Altstätten ist seit Kurzem um eine grüne Oase reicher. Auf dem Firmengelände der Zünd Systemtechnik AG wächst dort ein sogenannter «Tiny Forest» – von den Altstättern schon «Zündwald» genannt. Auf  rund 2000 m² , also etwa einem Drittel
eines Fussballfelds, wurden über  200 einheimische Gehölze  gepflanzt: darunter mehrere Grossbäume, mehr als  35 kleinere Bäume  und rund 150 Heckenpflanzen. Kreativer Kopf hinter der Gestaltung war der österreichische Baumspezialist Conrad Amber. 

Wir pflanzen einen Wald

In der Schweiz ist der erste «Tiny Forest» 2023 in Genf entstanden. Mittlerweile gibt es aber auch welche in Zürich, beispielsweise auf dem Areal Hagenholz von Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ), oder in Seebach, initiiert von Beatrice Häsler und
Katharina Schlatter von der Firma Naturinseln. Mithilfe von Freiwilligen verwandelten sie ein  400 Quadratmeter  grosses Wiesenstück in einen Tiny Forest. Die Bodenvorbereitung und Pflanzung sind laut Amber ideale Gemeinschaftsaktionen – mit Kindern, Nachbarn, ganzen Teams. So waren am Seebach-Projekt etwa 100 Freiwillige beteiligt. «Das gemeinsame Pflanzen stiftet Verbindung. Die Fläche entwickelt sich dann quasi von selbst weiter – das weckt Entdeckerfreude und Identifikation, was grossen pädagogischen und sozialen Wert hat.»

Speziell am Projekt «Zündwald» sei gewesen, dass man diverse Bäume aus der Region «wiederverwerten» konnte – Amber spricht in diesem Kontext gern von einem «Recyclingwald». «Wir konnten für die Waldfläche grössere Feldahorne und eine stattliche Eiche von einem Parkplatz in der Nähe umquartieren, die dort einem Neubau hätten weichen müssen. Auch 30 bis zu sieben Meter  hohe Hainbuchen aus einem aufgelassenen Riedwäldchen konnten wir retten und in den Zündwald umpflanzen.» 

Drei Stockwerke braucht es 

Bäume zu «recyceln» ist aber kein zwingendes Element eines Tiny Forest. Oft, wie in Seebach, werden bestehende Gehölze integriert und das Areal mit Gehölzen aus der Baumschule bepflanzt. Was die Auswahl der Arten anbelangt, hat Amber klare Vorstellungen: «Grundsätzlich gehören in unsere Gärten heimische Gehölze und Pflanzen. Nur in extremen Lagen könnten südliche Pflanzen angesiedelt werden, wie sie z. B. im Tessin, im Wallis oder in Oberitalien leben.» Klassischerweise besteht ein Tiny Forest aus drei «Stockwerken». Unten wachsen Sträucher und krautige Pflanzen, darüber kleinere Bäume, zuoberst bilden die grossen ihre Kronen aus. «So nutzt der Wald den Raum optimal», sagt Amber. «Natürlicher Wald ist immer mehrschichtig – das fördert Vielfalt und Stabilität.» Die hohe Pflanzdichte sorgt dafür, dass sich über die Jahre die stärksten, gesündesten Gehölze durchsetzen. Dabei kann man der Natur freien Lauf lassen – oder gezielt eingreifen, wenn man bestimmte Arten fördern will. «Beides ist legitim», meint Amber. «Aber man muss sich bewusst sein: Eingriffe begünstigen manche Arten, und schwächen andere. Wer einfach wachsen lässt, erhält am ehesten ein stabiles Gleichgewicht. Zu dicht und zu hoch gibt es nicht, es ist Wald und das macht Wald immer am besten.» 

Gesunder Boden macht gesunde Pflanzen

Entscheidend für das Gedeihen eines Tiny Forest ist der Boden. Weil der «Zündwald» auf einem schweren Lehmboden entstand, mussten Amber und sein Team die Fläche auf 2,5 Meter Tiefe ausheben, um Schicht für Schicht einen neuen Bodenhorizont aufzubauen: unten grober Filterkies zur Drainage, darüber Feinkies, Sand und Humus – abgeschlossen von einer rund einen Meter dicken Oberbodenschicht. Alles aus der direkten Umgebung. «Das war ein extremer Fall», erklärt Amber. Im Privatgarten müsse man in der Regel mit weniger Aufwand rechnen. «Meist reicht es, stark verdichtete oder sehr lehmige Böden auf  50 bis 80 Zentimeter  Tiefe zu lockern und mit Humus oder Sand zu mischen.» Ein wesentlicher Faktor ist die Bodenbelebung: Kompost, Pflanzenkohle, Mykorrhiza und Mikroorganismen helfen dabei, ein stabiles Bodenleben aufzubauen. Auch das spätere Mulchen mit Laub und Pflanzenresten bringt wichtige Nährstoffe zurück. «Je besser der Boden, desto gesünder die Pflanzen – das ist ein Naturgesetz», so Amber.

«Ein Tiny Forest überrascht» 

Ein Tiny Forest braucht kaum Pflege. Im Gegenteil: je weniger eingegriffen wird, desto besser kann sich das Ökosystem entfalten. Schnittmassnahmen sind nur bei Konflikten mit Gebäuden oder Nachbargrundstücken nötig. Amber verweist dabei auf die kantonalen Baugesetze, die klare Abstandsregelungen vorschreiben. «Es lohnt sich, mit den Nachbarn zu reden, bevor man pflanzt – das erspart spätere Konflikte über überhängende Äste.»

Das Konzept des Miniwäldchens funktioniert nicht nur auf Firmengrund oder in öffentlichen Parks,
sondern auch in Privatgärten oder auf Gemeinschaftsflächen im Quartier. Entscheidend sind die passenden Arten – und der Wille, einen Ort entstehen zu lassen, der sich selbst entwickelt. «Ein Tiny Forest überrascht. Er ist ein lebendiges Gegenstück zum gestutzten Gartenraum und er verändert sich laufend. Wer das zulässt, bekommt etwas zurück, das keine geplante Gartengestaltung je bieten kann: ein Stück echte Natur.»