Interior Design

Die Kunst des Abgrenzens

Der Paravent erlebt ein leises, aber deutlich spürbares Comeback. Was einst als dekoratives Accessoire vergangener Wohnkultur galt, wird heute neu entdeckt – als flexibles Gestaltungselement in einer Zeit, in der Räume wieder mehr können müssen.

von Andrea Eschbach

Journalistin, Zürich

Die Geschichte des Paravents reicht weit zurück: Ursprünglich stammt er aus China, wo er bereits im 7. Jahrhundert nicht nur als Sichtschutz, sondern auch als symbolträchtiges Objekt diente. Über Japan fand er schliesslich seinen Weg nach Europa und wurde besonders in den Salons des 18. und 19. Jahrhunderts geschätzt – oft kunstvoll bemalt, mit Seide bespannt oder als Ausdruck von Status inszeniert. Mit dem Aufkommen der Moderne geriet der Paravent jedoch zeitweise in Vergessenheit, verdrängt von festen Wänden und klar definierten Raumfunktionen. Heute kehrt er in neuer Form zurück: leichter, modularer und gestalterisch näher an Architektur und Kunst als am klassischen Möbel. Designer interpretieren ihn als wandelbare Raumskulptur, die nicht nur trennt, sondern auch inszeniert.

Ikonen der Moderne

Dass der Paravent keineswegs ein Relikt vergangener Wohnwelten ist, zeigt ein Blick auf den «Brick Screen» (5) von Eileen Gray. Bereits in den 1920er-Jahren entworfen, wirkt dieses Objekt heute erstaunlich gegenwärtig: eine Komposition aus streng rhythmisierten, mit Klavierlack überzogenen Elementen, die weniger Möbel als vielmehr bewegliche Architektur ist. Beim deutschen Hersteller Classicon werden die 28 festen und beweglichen Paneele in wochenlanger Handarbeit vielfach lackiert, getrocknet, von Hand geschliffen und poliert, um eine makellose Oberfläche zu schaffen. Gerade diese Verbindung aus handwerklicher Perfektion und gestalterischer Klarheit macht den Reiz aus.

Ein anderer neuaufgelegter Klassiker ist der modulare Paravent «PK111» (8), den Poul Kjærholm 1956 für sein eigenes Zuhause an der Küste nördlich von Kopenhagen entwarf. Damals spielte das Möbelstück eine zentrale Rolle bei der Aufteilung des Wohn- und Essbereichs. Der elegante Raumteiler aus Oregon-Kiefer-Furnier, der von Fritz Hansen gerade neu aufgelegt wurde, steht exemplarisch für die klare Formensprache des dänischen Designers. Gleichzeitig zeigen seine geschwungenen Module, wie weit die Möglichkeiten der Sperrholzproduktion ausgelotet werden können.

Funktion trifft Repräsentation

Eine Dekade später entwarf der deutsche Architekt Egon Eiermann einen faltbaren Paravent (2) für das Foyer und die Sitzungssäle des Abgeordnetenhauses des Deutschen Bundestags in Bonn. Heute ist diese Möbelikone in der Kollektion des Herstellers Richard Lampert erhältlich. In seiner vierteiligen Komposition aus Douglasien-Holz und weisslackierten MDF-Lochmusterblenden zeigt sich der Entwurf als zeitloses Schmuckstück – und als exemplarisches Werk eines Gestalters, der Architektur und Möbel stets zusammen dachte.

Auch die heutigen Entwürfe führen die Tradition des Paravents auf eindrucksvolle Weise fort. So etwa «Panama» (7), ein Kunstwerk aus Walnussholz des Pariser Architekten und Designers Reda Amalou. Die amorphen Formen erinnern an Skulpturen von Henry Moore und werden durch Messing-Scharniere verbunden. Neben der Holzversion ist der Paravent auch in Lackoptik erhältlich. Einen anderen Ansatz verfolgt der Paravent «Lou Lou» (3), der in Zusammenarbeit mit der Zürcher Innenarchitektin Iria Degen für die Röthlisberger Kollektion entstand. Er ist aus extra leichten Vollholzelementen in edlem Eichenfurnier gefertigt und überzeugt durch seine zurückhaltende Eleganz. Gerade diese Einfachheit macht ihn vielseitig einsetzbar – ob im Eingangsbereich, im Bad oder im Schlafzimmer.

Deutlich leichter und transparenter wirkt hingegen der Paravent «Rendez-vous» (4), ein Entwurf von Marco Carini für den italienischen Hersteller Agape. Die modularen Paneele aus Baumwollschnüren sind durch Gelenke verbunden und lassen sich flexibel falten, drehen und erweitern. So entsteht ein lebendiges Spiel aus Transparenz und Textur, das Licht filtert und gleichzeitig Offenheit bewahrt. Die Farbpalette in Ziegelrot- und Dunkelbrauntönen unterstreicht diesen atmosphärischen Effekt.

Der Paravent als Gestaltungsfläche

Die Flächen eines Paravents laden geradezu zur kreativen Gestaltung ein – und so ist er bis heute ein wichtiges Ausdrucksmittel für Gestalter geblieben. Ein Beispiel dafür ist «Meander» (1) des Bündner Designers Carlo Clopath. Jedes Element des Raumteilers besteht aus zwei Fichtenbrettern, die im elastischen Bereich gebogen sind. Dadurch lassen sich die Module zu mäanderartigen Kompositionen zusammenfügen – theoretisch bis ins Unendliche. Die Oberflächen sind entweder als rohe Fichtenbretter oder lackiert mit Farben auf Basis natürlicher Pigmente erhältlich. Während die naturbelassenen Elemente zu ruhigen Volumen verschmelzen, verleihen farbige Varianten dem Raum Rhythmus und unterschiedliche Stimmungen.

Die Londoner Textildesignerin Kangan Arora zelebriert mit dem Möbeldesigner Matteo Fogale Karomuster – die Textiloberfläche des Paravents (6) besteht ganz aus Kvadrat-Stoffen, die Polsterplatten darunter dienen als Schalldämmer. Die schwenkbaren Paneele ermöglichen vielfältige Anordnungen und ein Spiel mit Farben und Mustern. Paravents sind mehr als funktionale Raumwunder. Als Designobjekte geben sie Wohnungen den letzten Schliff und einen besonderen Akzent.