Design

Wie Art Déco moderne Interieurs veredelt

Nach Jahren minimalistischer Zurückhaltung kehrt der Glamour zurück ins Interieur. Art Déco mit seinen geometrischen Formen, edlen Materialien und starken Kontrasten prägt derzeit zahlreiche Möbelkollektionen.

von Silvia Schaub

Journalistin

Sie sind ein wahrer Blickfang: die Regale und Sideboards der Kollektion Lepid von Patricia Urquiola. Das überrascht kaum, schliesslich ist die spanische Designerin und Architektin für ihre ausdrucksstarken Entwürfe bekannt. Besonders spannend an der neuen Kollektion für Kartell ist das raffinierte Spiel mit Linien, Kanten und Kontrasten. Die glatten, glänzenden Oberflächen erinnern dabei unverkennbar an den Glamour des Art Déco. Ob in Cremeweiss, Senfgelb oder Rotbraun – die Möbel setzen markante Akzente im Raum. Die Kollektion aus Bücherregalen, Sideboards und Konsolen wurde erst kürzlich am Salone di Mobile in Mailand vorgestellt, avancierte jedoch bereits zum Publikumsliebling.

Raffinierte Linien, edle Materialien, satte Farben und ein Hauch Nostalgie – genau dafür steht Art Déco. Obwohl der Stil 2025 sein 100-Jahr-Jubiläum feiern konnte, inspiriert und beeinflusst er die Interior-Welt immer noch, ja vielleicht mehr denn je. Denn Art Déco vermittelt eine zeitlose Eleganz und verwandelt Räume in ausdrucksstarke Interieurs.

Entstanden ist der Stil Mitte der 1920er-Jahre als Gegenbewegung zum Jugendstil mit seinen fliessenden, organischen Linien und floralen Mustern. Art Déco setzte stattdessen auf geometrische Strenge, Symmetrie und technologische Modernität. Gleichzeitig blieb die Liebe zum Detail zentral. Materialien wie Ebenholz, Messing, Glas oder exotische Hölzer verliehen Möbeln und Objekten ihre grosse Bühne. Nichts sollte beiläufig wirken – vielmehr ging es um Inszenierung, Eleganz und Ausdruckskraft.

Ursprung in Paris

Der Begriff Art Déco, eine Abkürzung für «Arts Décoratifs», hat seinen Ursprung in Paris und erlebte seine Blütezeit zwischen den beiden Weltkriegen. Erstmals vorgestellt wurde der Stil anno 1925 an der «Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes». Nicht nur Möbel, auch Architektur und ganze Städte wurden davon geprägt. Art Déco stand für technologischen Fortschritt, urbane Eleganz und die Modernität – selbstbewusst und offen gegenüber kulturellen Einflüssen. Der Stil erreichte auch in New York in den 1930er-Jahren mit ikonischen Bauwerken wie dem Chrysler Building oder dem Empire State Building seinen Höhepunkt.

Dass Art Déco heute eine Renaissance erlebt, überrascht kaum. Nach Jahren skandinavischer Zurückhaltung wächst die Sehnsucht nach mehr Glamour, Individualität und dekorativer Tiefe. Der Stil bringt Spannung in minimalistische Interieurs, ohne zwingend opulent wirken zu müssen. Gerade darin liegt die Stärke: Art Déco wird subtiler interpretiert als früher. Einzelne Statement-Pieces reichen oft schon aus, um einem Raum mehr Charakter zu verleihen und als visueller Ankerpunkt zu dienen. Besonders gut eignet sich der Stil für Wohnbereiche oder Entrées, wo Möbel und Accessoires ihren grossen Auftritt haben dürfen.

Typisch sind Kombinationen von Messing mit dunklem Holz, Marmor mit samtigen Stoffen oder glänzenden Lackoberflächen und Glas. Für starke Kontraste sorgen Farben wie Petrol, Cognac, Smaragdgrün, Rubinrot oder Senfgelb, während Schwarz, Cremeweiss oder Elfenbein Ruhe ins Interieur bringen. Ergänzt werden sie durch metallische Töne wie Gold, Silber, Chrom oder Bronze, die den Räumen eine besondere Eleganz verleihen. Milchglas, getöntes Glas oder geätzte Oberflächen gehören ebenso dazu wie geometrische Formen, Zickzacklinien oder stilisierte Pflanzenmotive. Auch Einflüsse aus Ägypten oder Afrika tauchen immer wieder auf.

Art Déco modern interpretiert

Am diesjährigen Salone di Mobile in Mailand waren zahlreiche Anleihen an den Stil zu entdecken. Louis Vuitton präsentierte etwa innerhalb der «Objects Nomades» einen von Art Déco inspirierten Spiegeltisch mit passendem Hocker. Der Schminktisch namens «Celeste» wurde übrigens schon 1921 von Pierre Legrain entworfen und war das erste Möbelstück aus dem Hause Louis Vuitton.

Zu den aktuellen Möbeln mit deutlichen Art-Déco-Anklängen gehört etwa der Stuhl Ert von Studioutte. Er versteht sich mit seiner grafischen Schlichtheit und der lackierten Oberfläche als moderne Hommage an Art Déco. Auch der Tisch Mateo von Molteni lehnt sich an den Stil an. Er verfügt über einen markanten zentralen Sockel, der sich durch eine zylindrische und konische Form auszeichnet. Etwas leichter und luftiger wirkt dagegen der Tisch Torii Love von Tacchini mit der glänzenden Oberfläche. Einen subtilen Glamour bringt das Wandobjekt Pleat von Muuto ins Interieur: Es verbindet Spiegel und Ablage in hochglanzpoliertem Edelstahl.

Spiegel sind ohnehin ein typisches Element für den Stil, möglichst gross und mit geometrischen Rahmen. Ein schönes Beispiel ist der von Studio 28 entworfene Spiegel Candy für Ronda Design mit abgerundeten Ecken. Auch beim monolithischen Couchtisch Fluid Joinery von Linde Freya Tangelder für Cassina macht die Optik den Unterschied. Gefertigt wurde er aus farbigem, mundgeblasenem Glas in drei Farben.

Wer Art Déco heute modern interpretieren möchte, übernimmt die Codes am besten wohl dosiert: eineruhige Basisfarbe, ergänzt mit ein, zwei kräftigen Akzenten sowie metallischen Details. Denn weniger ist heute oft mehr. Zu viel Gold und Glanz wirkt schnell überladen und kitschig. Bereits ein Sideboard mit Golddetails oder ein Couchtisch aus Marmor – etwa der von Andrea Parisio entworfene Frank-Tisch von Meridiani – reicht aus, um Akzente zu setzen und Art-Déco-Flair in die Wohnung zu bringen. Entscheidend sind auch Textilien wie Samt oder Brokat, die Tiefe und luxuriöse Wärme vermitteln. Davon gibt es aktuell überraschend viele Neuheiten. Art Déco bleibt damit ein Stil, der zeitlos wirkt und sich immer wieder neu interpretieren lässt – heutzutage einfach etwas subtiler als früher.