Flimmernde Hitze, graue Stadtlandschaft, gehetzte Menschen, röhrende Autos. Aber mittendrin: Ein kunterbuntes Haus, Efeu klettert die Fassade hoch, von den Balkonen spriessen Sträucher, und auf den unterschiedlich hohen Dachterrassen wachsen dicht an dicht stattliche Bäume. Das berühmte Hundertwasser-Krawina-Haus in Wien ist eine grüne Insel in der Grossstadt. Gestaltet wurde es vom Künstler Friedensreich Hundertwasser und vom Architekten Josef Krawina. Hundertwasser hatte eine klare Absicht: «Der Mensch muss auf den Dächern der Natur zurückgeben, was er ihr widerrechtlich unten beim Hausbau weggenommen hat.» Zwar war die Klimaerwärmung damals, Anfang der 1980er-Jahre, noch kein grosses gesellschaftliches Thema. Aber spätestens heute ist klar, dass begrünte Häuser – wie jenes von Hundertwasser – ein Teil der Lösung sind, wenn es darum geht, dem Klimawandel entgegenzutreten, insbesondere im urbanen Umfeld.
«Die Schweiz ist stark betroffen», steht in den Klimaszenarien «Klima CH2025», die von Meteo Schweiz zusammen mit der ETH Zürich und weiteren Partnerinstitutionen Ende 2025 veröffentlicht wurden. Gemäss dem Bericht beträgt die Erwärmung seit vorindustrieller Zeit bis heute global circa 1,4 Grad – in der Schweiz jedoch rund 2,9 Grad. «Die Klimaszenarien verdeutlichen, wie verletzlich die Schweiz gegenüber den Folgen der Erderwärmung ist», so das Fazit von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider.
Grün und Blau
Besonders spürbar ist der Klimawandel in den Städten, wo der Hitzeinsel-Effekt zu immer mehr glühend heissen Tagen sowie Tropennächten führt, in denen die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad sinkt. Darunter leiden die Lebensqualität und die Gesundheit. «Ein begrüntes Gebäude schafft nicht nur einen ökologischen Ausgleich, sondern leistet unter anderem auch einen wichtigen Beitrag zur Kühlung von urbanen Gebieten», sagt Erich Steiner, Geschäftsführer der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung SFG). Der Verband setzt sich seit 30 Jahren für die Begrünung von Dächern und Fassaden ein und hat in den letzten Jahren unter anderem den «Greening Check» lanciert (siehe Box) – ein Beratungsangebot für Liegenschaftsbesitzerinnen und -besitzer, die mit dem Gedanken spielen, ihr Gebäude zu begrünen.
Pflanzen sind sozusagen eine natürliche Klimaanlage. Aufgrund der Wasserverdunstung können sie auf ihre unmittelbare Umgebung einen Kühleffekt von bis zu zwei Grad haben. Aber nicht nur das. Eine Gebäudebegrünung filtert auch Schadstoffpartikel sowie Staub aus der Luft heraus. Und bepflanzte Dächer übernehmen ausserdem die wichtige Funktion eines Wasserrückhalts: Das Erdreich speichert das Wasser, was gerade bei Starkregen die Kanalisation entlasten sowie Überschwemmungen vorbeugen kann. Im Gegenzug steht das gespeicherte Wasser während Trockenperioden den Pflanzen zur Verfügung. Die sogenannte «blau-grüne Infrastruktur», also die Kombination von Pflanzen (Grün) und Wasserkreislauf (Blau), ist deshalb auch ein wichtiges Element des Schwammstadt-Konzepts, das mittlerweile im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung und Extremwetter-Ereignissen in aller Munde ist.
Käfer und Kasse
Der Natur zurückgeben, was man zubetoniert hat – frei nach Hundertwasser – bringt selbstverständlich auch der Biodiversität etwas. Gebäudebegrünungen bieten dank ihrer oft ungestörten Lage Lebensraum für Flora und Fauna – sogar seltene Pflanzen- und Tierarten können sich hier ansiedeln. Natürlich kostet beispielsweise die Installation eines Gründaches mehr, als wenn es einfach mit Kies bedeckt würde. «Und trotzdem rechnet es sich in den meisten Fällen», weiss Erich Steiner von der SFG aus Erfahrung. Die Hauptgründe: Eine Dachbegrünung bietet für den darunter liegenden Dachaufbau einen mechanischen Schutz, hält zudem die UV-Strahlung ab und sorgt für Temperaturen der Dachoberfläche im normalen Bereich – während Kiesdächer Temperaturextremen von minus 30 bis plus 80 ausgesetzt sein können. Dies verlängert die Lebensdauer eines Gründaches im Vergleich mit einem gekiesten bis um das Doppelte – was zu tieferen Gesamtkosten führt.
«Und auch bei den Energiekosten spart man mit einer Gebäudebegrünung», ergänzt Renato Burgermeister, Präsident der SFG. Die Reduktion dieser Kosten resultiert aus der besseren Isolation durch die Begrünung – weshalb sich im Sommer die Wohnräume darunter nicht so stark aufheizen und im Winter weniger auskühlen. Auch die Mehrkosten für den Unterhalt sind bei einem sogenannten extensiv begrünten Dach mit robusten, kleinen und pflegearmen Pflanzen marginal; für ein 150 Quadratmeter grosses Dach betragen sie im Vergleich zu einem Kiesdach beispielsweise jährlich nur rund 400 Franken. Der beste Zeitpunkt, um aus der bisherigen heissen und grauen Dachwüste eine blau-grüne Dachinsel zu machen, ist, wenn das Dach sowieso sanierungsbedürftig ist. Dann geht die Rechnung fürs Portemonnaie meistens und sicher immer für Insekten, Vögel, Klima und die eigene Lebensqualität auf. SFG
Beratungsangebot: von Profis für Laien
Geht das bei mir auch? Wie viel wird es mich ungefähr kosten? Wo finde ich Fachpersonen, die ein solches Projekt in meiner Region umsetzen können? Um Fragen rund um die Begrünung eines Gebäudes klären zu können, hat die Schweizerische Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG) den «Greening Check» eingerichtet. Dort kann das eigene Vorhaben online erfasst werden. Daraufhin erhält man eine Projektzusammenfassung sowie eine Erstanalyse durch eine Fachperson der SFG. Je nach gewähltem Paket kostet das zwischen 320 und 890 Franken und beinhaltet bei den umfangreicheren Paketen unter anderem auch einen Vor-Ort-Termin oder einen Beratungsbericht. Weitere Informationen:





