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Naturnahe Ökohäuser: Low-Tech als Alternative zu Minergie?

Mit dem Jahrtausendwechsel wurden die ersten Niedrigenergie-Ökohäuser gebaut. Mit dem Aufkommen des Minergie-P-Standards und der Komfortlüftung hatten die Ökohäuser aber einen schweren Stand. Waren sie der Zeit voraus?

von Stefan Aeschi

Dipl. Architekt ETH/SIA, DAS Wirtschaft FH, Experte Bau- und Energietechnik beim HEV Schweiz

Die Baubranche war stolz auf den vielversprechenden, staatlich anerkannten Minergie-P-Standard mit Komfortlüftung. Während die Anhänger des Minergie-Labels vermehrt auf umfassende Gebäudetechnik setzten, wurden entgegengesetzte Low-Tech-Ansätze fast schon belächelt und oft als Alternativ-Architektur einzelner Freaks abgetan. So einfach wie möglich und mit natürlichen Materialien zu bauen, hat aber gleichwohl architektonische Tradition und heute wieder mehr denn je eine nachvollziehbare Daseinsberechtigung. Zumal die damaligen Pionierbauten nach 25 Jahren noch immer gut intakt sind.

Ökohaus-Komfort – so einfach wie möglich

Die Natürlichkeit eines Hauses wird durch die Wahl der verwendeten Materialien, die Gebäudetechnik und den Einsatz erneuerbarer Energie bestimmt. Um heutige Bauvorschriften erfüllen zu können und dem über die Jahre stark gewachsenen Wohnkomfort zu entsprechen, müssen Material, Konstruktion und Gebäudetechnik aber nicht nur wohlbedacht gewählt, sondern auch systemisch ideal miteinander kombiniert und aufeinander abgestimmt werden. Je komplexer Systeme sind, desto unterhaltsintensiver sind sie meist auch und benötigen zur Wartung Spezialisten.

Als Kind der 70er-Jahre scheint mir die Analogie zur Autoindustrie sehr passend. Fahrzeuge aus dieser Zeit waren vorwiegend mechanisch, brauchten keine Software zur elektrischen Steuerung und konnten vom Mechaniker oder in Eigenregie repariert werden. Heute übernimmt eine Software die elektrische Steuerung des gesamten Fahrzeugs. Der Mechaniker von damals arbeitet heute aufgrund der Komplexität des Fahrzeugbaus digital mit Diagnosegerät und ist eher Ersatzteilbeauftragter statt Mechaniker. Eine Selbstreparatur durch den Fahrzeugbesitzer ist mittlerweile schier unmöglich. Der Unterhalt von Fahrzeugen wurde zunehmend teurer und schafft verstärkt Abhängigkeiten. Beim Bauen ist es sehr ähnlich. Ziel sollte es sein, so einfach wie möglich zu bleiben und sich hierzu natürliche Materialeigenschaften zunutze zu machen. Der ökologische Mehraufwand soll sich letztlich auch rechnen.

Vom Bernoulli-Effekt zum Venturi-Prinzip

Der Bernoulli-Effekt beschreibt in der Physik, dass in strömenden Flüssigkeiten oder Gasen der statische Druck sinkt, wenn die Strömungsgeschwindigkeit zunimmt. Dieses Phänomen ist eine Folge des Energieerhaltungssatzes, da höhere kinetische Energie (Geschwindigkeit) mit geringerer Druckenergie einhergeht. Anwendungen finden sich beim Flugzeugflügel, bei Venturi-Düsen oder beim Ansaugen von Luft.

Das Venturi-Prinzip beschreibt, dass in einer Rohrverengung die Strömungsgeschwindigkeit eines Gases oder einer Flüssigkeit zunimmt, während der statische Druck sinkt. Dieser Unterdruck an der engsten Stelle wird genutzt, um Materi-alien anzusaugen, zu messen oder Stoffe zu mischen. Das Venturi-Prinzip ist ein zentrales Phänomen der Strömungsmechanik und kann als thermo-dynamische Lüftung anstelle einer Komfortlüftung verwendet werden: Verbrauchte Innenraumluft steigt durch Öffnungen in Wänden und oder herabgehängte Decken durch sich verengende Kanäle zum Dachaustritt, wo die Abluft durch den unterdruckerzeugenden Wind im Freien abgesogen wird. Schrägdächer erzeugen physikalisch bedingt eine höhere Luftströmung, weshalb sie sich für diese strömungsmechanische Low-Tech-Lüftung besser eignen als Flachdächer.

Der entstehende Unterdruck benötigt geeignete Frischlufteinlässe, beispielsweise in Form von kleinen Ventilen in Fensterdichtungen und / oder Türrahmen zum Druckausgleich. Dieser Luftaustausch führt zwar zu geringen Wärmeverlusten, wirkt jedoch durch das «natürliche Atmen» möglicher Kondenswasserbildung im Leibungsbereich entgegen. Das Prinzip einer thermodynamischen Lüftung funktioniert im Gegensatz zur Komfortlüftung ohne Strom und benötigt keine Reinigung von Kanälen und Filtern. Unterhaltsarbeiten und ein periodischer Ersatz des Lüftungsaggregats entfallen auch.

Heizwärme – Erzeugung und Verteilung

Aufgrund des Heizwärmebedarfs sind Low-Tech-Gebäude keine No-Tech-Gebäude, auch sie brauchen zur Wärmeaufbereitung und den damit verbundenen ganzjährigen Wohnkomfort Gebäudetechnik. Da Wetter- und Temperaturbedingungen über das Jahr in unseren Breitengraden stark variieren, bedienen sich die meisten Ökohäuser, um bei diesem Begriff zu bleiben, verschiedener Wärmequellen. Die knapp 100 Watt an Eigenwärme, die jeder Hausbewohner abgibt, reichen auch bei grossen Mehrpersonenhaushalten und maximalem Pioniergeist nicht aus, um den Heizwärmebedarf zu decken. Wenn vorhanden, ist ein Anschluss an ein Fernwärmenetz ideal oder die Wärme durch eine Erdsonden-Wärmepumpe, die im regenerativen Verfahren Geothermie nutzt.

Um Spitzenlasten an kalten Wintertagen auszugleichen, wird gerne auch zusätzlich im meist zentralen Wohnraum auf einen Schwedenofen zurückgegriffen. Die Strahlungswärme des Ofens erwärmt die Raumluft, wird aber eher nicht zur Warmwasseraufbereitung verwendet. Das von der Heizung erzeugte Warmwasser kann über die Funktion als Bodenheizung hinaus auch in massiven Wänden oder durchgehenden Hohlräumen hinter der Innenverkleidung der Aussenwände geführt werden. So kühlen die Aussenwände innenseitig nicht ab, der Heizwärmebedarf sinkt und kann ohne grossen technischen Aufwand Minergie-Standards erfüllen. Zur Eigenstromversorgung führt aber auch für Ökohäuser noch kein Weg an der Photovoltaik-Technik für Dach, Aussenwände oder Brüstungen vorbei.

Nachhaltige Baustoffe für ein gesundes Wohnklima

Die Qualität naturnaher Ökohäuser basiert auf sorgsam ausgewählten Baustoffen und auf der Ausgewogenheit von Leichtbauelementen und Speichermasse. Massive Lehmwände, Fassaden- und Dachkonstruktionen aus einheimischem Nadelholz, massive Holzböden – beispielsweise Eiche –, Recyclingbeton mit geschäumtem Altglas sowie Naturdämmstoffe stehen exemplarisch für nachhaltiges Bauen. Sogar mehrschichtige Fassadenkonstruktionen können weitgehend mit Holzdübeln verzapft werden, um energieintensives Metall zu vermeiden. Gedämmte Massivholzfassaden haben durch die träge Phasenverschiebung des Holzes von über einem halben Tag einen regulierenden Charakter. Kann die Holzfassade nachts abkühlen, gibt sie diese Kühle am nächsten Tag ab, während die Wärme der Mittagssonne nachts noch Wärme an den Innenraum abgibt.

Recyclingbeton mit geschäumtem Altglas hat, sofern der Beton nicht zu stark verdichtet wurde, gute Isolationseigenschaften und wird deshalb gerne für Erdgeschossböden oberhalb unbeheizter Untergeschosse, als statischer Kern sowie für Installationsschächte mit Brandschutzanforderungen eingesetzt. Zur Fassadendämmung eignen sich Naturprodukte wie beispielsweise Schafwolle oder Naturhanfmatten, weil sie durch die Fähigkeit zur Aufnahme, Speicherung und Abgabe von Feuchtigkeit von Natur aus feuchteregulierend wirken und natürliche Gerbstoffe vor Insekten schützen.

Mehrkosten rechnen sich durch den geringen Unterhaltsaufwand

Der persönliche, emotionale Stellenwert einer energiearmen, naturnahen Materialwahl kann im Gegensatz zu den Materialkosten als Gesamtschau nicht in Zahlen gefasst werden. Faktisch führt die Wahl hochwertiger Baustoffe erfahrungsgemäss zu Mehrkosten von 10 bis 15 Prozent. Die höheren Investitionskosten relativieren sich aber langfristig betrachtet, da die Qualität der Materialien einen längeren Einsatz erlaubt, sie oft mit viel geringerem Unterhaltsaufwand verbunden sind und damit langfristig sogar eher Kosten senken. Ein eindrückliches Beispiel zeigt hier der Fassadenbau: Eine verputzte und gestrichene Kompaktfassade ist gegenüber einer hinterlüfteten Natursteinfassade nur etwa halb so teuer, kämpft aber langfristig gegen Vermoosung, Ausblähungen und Rissbildungen. Nach durchschnittlich 20 Jahren wird eine kostspielige Fassadensanierung fällig, die schnell über den besagten Mehrkosten liegt. Neben Material und Arbeit fallen zusätzlich Kosten für das Baugerüst und oft auch für die Wiederherstellung der Umgebung an, so dass sich die Zusatzinvestition für einen hochwertigen Fassadenaufbau bereits im ersten Sanierungszyklus amortisiert hat.

Ratgeber «Wohngebäude effizient sanieren»

Informationen zur Sanierung von Bestandesbauten finden Sie im Ratgeber «Wohngebäude energieeffizient sanieren». Der Ratgeber führt verständlich durch die verschiedenen Themenkreise einer energetischen Sanierung, damit Hauseigentümer ideal auf ihr Sanierungsprojekt vorbereitet sind.

Autor: Stefan Aeschi, dipl. Architekt ETH / SIA
 

1. Auflage 2026, 220 Seiten

Fr. 55.– für Mitglieder / Fr. 73.– für Nicht-Mitglieder

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