Einrichten mit Chrom

Kühle Eleganz und ein Hauch von Glamour

Die 70er-Jahre dürften den Einrichtungsstil für länger prägen – nicht nur mit weichen Polstermöbeln in kräftigen Rottönen, sondern auch mit Kleinmöbeln, Leuchten oder Accessoires mit metallischen Oberflächen, allem voran Chrom.

von Silvia Schaub

Journalistin

Die weltweit grösste Möbelmesse, der Salone del Mobile in Mailand, hatte es bereits im Frühling angekündigt: Die wilden 70er-Jahre mit weichen, runden und femininen Formen sowie warmen, wohligen Farben sind definitiv zurück. Schon länger bahnte sich diese Tendenz an. Doch statt Hippie-Muster, Flokati-Teppiche oder alte Klassiker hervorzuholen, interpretieren die aktuellen Designerinnen und Designer ihre eigenen Kreationen dazu. Diese wirken emanzipiert und modern, sprechen eine klare Formensprache mit schönen Proportionen und hochwertigen Materialien und eignen sich damit bestens als Ergänzung zum aktuell oft vorherrschenden geradlinigen, nüchternen Interieur.

Einerseits lehnt sich die Farbenwelt mit warmen Fruchttönen von Bordeaux über Erdbeer bis Orange und herbstlichen Brauntönen an die 70er-Jahre an. Und andererseits lebt auch die damalige Zeit der Disco-Ära mit ihrem Glimmer und Glitzer auf. Also dürfen Silber, Gold und glänzende Oberflächen nicht fehlen. Passt das überhaupt noch in unsere Zeit? Zu viel Kitsch, zu viel Glamour? Es kommt darauf an, wie man Möbelobjekte mit diesen Oberflächen einsetzt. Zu viel davon wirkt heute schnell einmal kalt, abweisend, wenig sinnlich – und vor allem auch protzig. Doch mit der richtigen Dosierung wirken sie wie Leuchtsterne und geben dem Interieur genau den richtigen Frischekick – insbesondere, wenn dieses ansonsten in schlichteren Farbtönen wie Beige, Weiss oder Erdtönen gehalten wird.

Leuchten in Silber, Gold und Kupfer

Das gelingt besonders gut mit Leuchten. Die vom Studio Claesson Koivisto Rune entworfene Kollektion für Lasvit trägt den Namen «Nebula» (9) und liess sich mit den Farben Silber, Gold und Roségold von der leuchtenden Weite des Weltraums inspirieren. Schon fast wie ein Wohnobjekt wirkt die Leuchte «Melt» (7) von Tom Dixon, die man definitiv nicht übersehen kann. Die Hängeleuchte aus Polycarbonat ist ein visueller Hingucker im organisch-plastischen Look. Ist die Leuchte eingeschaltet, hat sie einen speziellen Glaseffekt. Ausgeschaltet ist die amorphe Lichtquelle im Metall-Look verspiegelt. Es gibt sie auch als praktische, tragbare Tischleuchte und unter anderem in den Farben Gold, Silber und Kupfer. Etwas zurückhaltender ist da die Tischleuchte «Set» von Muuto aus Aluminium im Industrial Style.

Auch ein paar Klassiker sind nun in einer Chrom-Variante auf dem Markt. So etwa die Tischleuchte «Flowerpot VP9» (6) von &Tradition in einem glänzenden Chrom-Finish oder die Hängeleuchte Calabash von Fritz Hansen, die an einen Flaschenkürbis erinnert. Auch für die Neuauflage von Louis Weisdorfs skulpturalem Multi-Lite-Design hat Gubi nicht nur eine Chrom-Version herausgebracht, sondern die Leuchte auch noch im tragbaren Format neu interpretiert. Dazu wurde eine USB-Lademöglichkeit integriert und eine dreistufige, durch Berührung aktivierbare Dimmfunktion eingebaut. Und der charakteristische Ring um die Leuchte dient auch als Griff, so dass man die Leuchte problemlos in der Wohnung oder im Freien herumtragen kann. Die ikonische Lampe von Louis Poulsen in der Version Panthella320 gibt es ebenso mit verchromtem Lampenschirm und Fuss. Der typisch trompetenförmige Leuchtenfuss sorgt durch die Reflexion in Schlafzimmer oder Wohnbereich für ein stimmungsvolles Licht.

Sitzen auf Chrom oder Aluminium

Neben Leuchten fallen auch andere Möbelstücke in Chrom oder Aluminium auf, die mit ihrem Glanz einen besonderen Eye-Catcher bieten können. Wie etwa der Sessel «AL13» (8) aus lasergeschnittenem, gebogenem Aluminium von Haus Otto für die Marke Dante – Goods And Bads. Dahinter stecken die beiden Jungdesigner Patrick Henry Nagels und Nils Körner. Der Sessel, den es in verschiedenen knalligen Farben gibt, mag auf den ersten Blick etwas unbequem wirken, bietet aber durchaus besondere Werte: Er kann für drinnen wie draussen eingesetzt werden und ist sozusagen auch ein Arbeitsplatz. Denn mit den breiten Armlehnen ermöglicht er das Arbeiten mit dem Laptop. Der italienische Designer Giulio Iacchetti zeigte mit seiner «Klark»-Bibliothek (5) für Kriptonite, wie elegant die Formbarkeit des Metalls ist. Hübsch sieht der runde Beistelltisch aus galvanisch verchromtem Steingut von HK Living aus (1). Das Tischli erinnert an das Design der Raumfahrt und überzeugt mit seinem dekorativen Aussehen.

Klassiker in Chrom und Aluminium

Nicht nur die aktuelle Generation von Designern entdeckt diese glänzenden Materialien wieder, auch schon in früheren Zeiten liessen sich die Kreativen von Chrom und Aluminium inspirieren. Wer bereits einen solchen Klassiker zu Hause hat, umso besser. Ansonsten findet man sie immer noch im Handel. Allem voran den Beistelltisch «Adjustable Table» (2) von Classicon, entworfen von Eileen Gray – und das bereits im Jahr 1927! Kaum zu glauben, dass diese Design-Ikone schon bald 100 Jahre auf dem Buckel hat. Das verchromte Stahlrohrmöbel wirkt immer noch perfekt in seiner Funktionalität und Ästhetik. Auch Verner Pantons Drahtregal «Panton Wire» (10) aus dem Jahr 1971 von Montana wirkt ebenso leicht wie elegant. Die Drahtmodule können einzeln oder zu mehreren verwendet werden – sei es am Boden als Nachttisch, an der Wand als Regal oder gleich als Raumteiler.

Die Kollektion Curva von AYTM mit feinen Eisenstäben in Silber, Gold oder Schwarz gibt es ebenfalls schon einige Zeit. Dieses Jahr wurde sie ergänzt durch die «Curva Bank», ein Möbel, das vielseitig eingesetzt werden kann. Je nachdem, wie es hingestellt wird, kann es als Sitzgelegenheit, Beistelltisch oder funktionale Aufbewahrungs-lösung für Zeitschriften, Wohnaccessoires oder Handtaschen gebraucht werden. Es verwundert bei diesem Chrom-Hype nicht, dass auch der Acapulco Chair aus den 1950er-Jahren eine Sonderedition im Glanz von Chrom und Edelstahl bekommen hat. Die «24 CR Amici Chair»-Serie entstand in Kooperation von Emanuel Sirch und «Acapulco Design»-Gründer Benjamin Caja und wurde ebenfalls in Mailand vorgestellt.

Es muss ja nicht gleich das ganze Möbel in Chrom oder Aluminium sein. Wer setzt dies besser um als die Klassiker von USM Haller? Sie sind so zeitlos und elegant wie eh und je und werden längst nicht mehr nur im Büro eingesetzt, sondern auch im Privatbereich. Das hat auch damit zu tun, dass der Schweizer Hersteller des modularen Einrichtungssystems mit den zusammenschraubbaren, verchromten Stahlrohren immer wieder neue Farbtöne herausgibt. Neuerdings gibt es die Möbel auch in einem harmonischen Olivgrün (4).

Auch die Konsole Mox Lola von Designer Beat Glässer funktioniert mit verchromten Stahlrohren, die es matt oder glänzend gibt. Ablage und Tablar bestehen aus pulver-beschichtetem Stahlblech. Die Konsole kann ohne Montage an jede Wand oder jedes Fenster angelehnt werden.

Wer sich noch nicht so richtig an den Trend wagt, kann es ganz klein probieren. Zum Beispiel mit einer verchromten Keramik-Vase von HK Living (3), die nicht nur im Wohnzimmer oder auf einem Sideboard im Entree für Blickfänge sorgt, sondern jedem Strauss Blumen darin alle Ehre erweist und ihn in den Mittelpunkt stellt. Oder soll es lieber die Wackelfigur Bimble & Bumble des dänischen Designers Gustav Ehrenreich sein? Der fröhliche Designklassiker aus der sogenannten Hoptimisten-Serie – sie steht für Freude, Hoffnung und Optimismus – verbreitet immer noch genauso viel gute Laune wie anno 1969, als er entstand. Vor allem auch in der Chrom-Variante.

Zu viel davon wirkt schnell einmal kalt, abweisend, wenig sinnlich – und vor allem auch protzig. Doch mit der richtigen Dosierung wirken Chrom-Objekte wie Leuchtsterne und geben dem Interieur genau den richtigen Frischekick.