Unterwegs in der Schweiz

Kein Massenziel: Das Val Müstair bleibt ein Geheimtipp

Das idyllische, romanischsprachige Münstertal am östlichsten Zipfel der Schweiz fasziniert und entwickelt neue Angebote, damit die Gäste nicht nur durchfahren, sondern bleiben.

von Reto E. Wild

Journalist BR und Tourismusexperte

Hochsommerlicht fällt in langen Streifen auf noch nach Tau duftende Wiesen und auf Steinhänge, die seit Jahrhunderten wissen, wie man Schatten hält. Ein leiser Wind zieht an den Lärchen und Arven vorbei. Und irgendwo unten im Val Müstair, das sich zwischen Ofenpass und der Grenze zum Südtiroler Vinschgau ausbreitet, ist das leise Geräusch von Wasser zu vernehmen, als würde die Landschaft selbst atmen.

Zeit für Ruhe

Am Weg, der sich hinaufwindet, stehen einzelne Bauernhöfe wie Inseln im Grün. Hinter ihnen blitzt die Ferne auf – Berge, fast so scharf gezeichnet wie eine Skizze – etwa der höchste Gipfel des 3180 Meter hohen Piz Murtaröl. Wer ins kleine, aber feine, romanischsprachige Münstertal am östlichsten Zipfel der Schweiz eintaucht, merkt schnell: Das Bündner Bergtal ist ein Ort, in dem Dinge Zeit haben. Zeit zum Reifen und zum Loslassen des Alltagsstresses. Der Sommer scheint hier nicht zu drängen, sondern zu verweilen – gerade 2026.

Diese magische Ecke der Schweiz hat sich als Geheimtipp im Schweizer Tourismus etabliert – mit 120 000 Logiernächten pro Jahr oder sechseinhalbmal weniger als die Hotellerie von St. Moritz. «75 Prozent davon werden im Sommerhalbjahr generiert», informiert Bernhard Aeschbacher, Direktor der Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG. Der Anteil der Schweizer Gäste: rund 90 Prozent!

Gelebte Gastfreundschaft

Eine Vorreiterrolle bei den Übernachtungsmöglichkeiten nimmt das Hotel Helvetia in Müstair / Münster ein, das sich fünf Fussminuten vom Kloster St. Johann, Teil des Unesco-Welterbes, befindet. Das Helvetia, ein klassischer Familienbetrieb, wird in der vierten Generation geführt: Anita Grond kümmert sich um die Rezeption, den Servicebereich und die Finanzen, ihr Mann Pierre-René um die Küche (allein seine Pizokel mit Agriakartoffeln des lokalen Bauern Jon Jachen Flura sind die Reise wert) und sein Bruder Olivier um den Einkauf. 26 Hotelzimmer, 6 Ferienwohnungen, ein neues Hallenbad, ein Spa mit finnischer Sauna, Arvensauna, Dampfbad und Infrarot, eine Aussensauna, Kaltwasserbecken, Floating und ein grosser Garten stehen den Gästen zur Verfügung. «Wir haben von 2015 bis 2024 über 11 Millionen Franken in unsere Häuser investiert», informiert Grond.

Agenda 2030

Das Val Müstair mit seinen nur gut 1400 Einwohnern hat grosse Visionen und will sich mit der Agenda 2030 als digitalisierte und mobile Bergregion, als Arbeitsplatz, als Ferienziel und Wahlheimat, als einzigartige Natur- und Kulturlandschaft sowie als Gesundheitsregion positionieren. Die Voraussetzungen für die Ziele sind ideal: Wer im Val Müstair ankommt, atmet in diesem unversehrten Paradies mit seinem 250 Kilometer langen Wanderwegnetz und seinen 150 Kilometer Mountainbike-Routen sofort Ruhe und Unaufgeregtheit ein. Im Kloster St. Johann kann man zudem in die über 1200-jährige Geschichte des Benediktinerinnenklosters eintauchen – und das Erlebnis mit einer Übernachtung im Gästehaus sogar noch vertiefen.

«Wir bleiben ein Geheimtipp»

«Die Nachhaltigkeit und die Biosfera sind ein zentrales Element in der Strategie der Agenda 2030 und der Tourismusdestination», betont Aeschbacher. «Wir positionieren das Val Müstair unter anderem mit dem Naturpark Biosfera Val Müstair als naturnahe Destination und werden nie ein Ziel der grossen Massen werden. Wir bleiben ein Geheimtipp.» Immerhin hat Lokalmatador und Olympiasieger Dario Cologna im Tal eine grosse Langlaufbegeisterung ausgelöst; zwischen 2015 und 2022 fand die Tour de Ski viermal im Münstertal statt, «was eine unschätzbare mediale Präsenz mit sich brachte», so Aeschbacher.

Für das Val Müstair eröffnete sich bereits Anfang 2025 eine neue Möglichkeit: Seither können Kleinprojekte im Interreg-Programm Italien-Schweiz umgesetzt werden. Gabriella Binkert Becchetti, Gemeindepräsidentin und Verwaltungspräsidentin der Destination Engadin Samnaun Val Müstair, erklärt: «Erstmals ist es auch Partnern aus der Region Unterengadin / Val Müstair möglich, grenzüberschreitende Projekte zu initiieren und umzusetzen. Die Finanzierung erfolgt dabei teilweise über öffentliche Fördermittel; den Rest tragen die Projektträger selbst. Wir können so Themen wie Sprache, Kultur, Landschaft, Geschichte und Kulinarik stärker mit buchbaren Angeboten verbinden.» Genau darin liege für ein kleines Tal die grosse Chance: «Wir müssen nichts für die Masse anbieten, sondern besondere Inhalte, echte Begegnungen und Qualität.»

Grenzenlos denken

Ein Projekt ist beispielsweise «RaetiaCultTour». «Hier werden gemeinsam mit den ladinischsprachigen Nachbarn aus dem Dolomitenraum touristische Angebote entwickelt. Sprache, Kultur, Kulinarik, Handwerk, Hotellerie und Gastronomie sollen verbunden werden. Kultur kann im Alpenraum für eine Differenzierung sorgen und Grundlage für einen hochwertigen Ganzjahrestourismus sein», so die Verwaltungsratspräsidentin. Das ist für das Val Müstair besonders naheliegend, verfügt es doch mit dem erwähnten Kloster St. Johann, dem ersten hochalpinen Unesco-Biosphärenreservat Engiadina Val Müstair, dem Naturpark Biosfera Val Müstair, der romanischen Sprache, der Nähe zum Südtirol sowie der Passlandschaft am Umbrail über starke Argumente dies- und jenseits der Grenze.

Regionaler Genuss

Binkert Becchetti betont: «Grenzüberschreitende Projekte müssen zusätzliche Frequenz, Aufenthaltsqualität und Wertschöpfung ins Tal bringen. Dazu braucht es engagierte Betriebe, die solche Angebote mittragen und buchbar machen. Marktfähige Angebote müssen den Gästen einen Grund geben, das Val Müstair nicht nur zu durchfahren, sondern zu bleiben.»

Gelebte Nachhaltigkeit zeigt sich mit der Chascharia Val Müstair: 210 Kühe von 12 Milchbauern sorgen dafür, dass die Käserei-Genossenschaft jährlich rund 1,2 Millionen Liter Milch verarbeitet. Aus dieser produziert die Chascharia rund 100 000 Kilogramm Käse- und Frischmilchprodukte. Janic Fasser (30) ist seit 2018 Geschäftsführer der Käserei und hat seinen eigenen Bauernbetrieb im Dorf Müstair. «Während Corona hatten wir zu wenig Produkte. Jetzt müssen wir neue Kunden suchen, damit wir alles verkaufen können. Immerhin ist der regionale Absatz stabil geblieben», sagt der Geschäftsführer über die aktuellen Herausforderungen. Der Bündner Bergkäse, der Rahmkäse sowie der Alvetern, ein Weichkäse aus Bio-Heumilch, tragen zu einem unvergesslichen Erlebnis in diesem Bündner Südtal bei.