Den Schlüssel zum vermutlich ältesten Haus von Saanen, dem Salzhüsi von 1757, bekommt man im Tourismusbüro von Saanen, das schräg gegenüber liegt. Im reich bemalten Salzhüsi mit prächtiger Schnitzzier wurde noch bis in die 1950er-Jahre offenes Salz verkauft, unverzichtbar für die Käseherstellung und Haltbarmachung von Lebensmitteln. Wer jedoch heute die hölzerne Aussentreppe des Chalets hinaufsteigt, tut das auf den Spuren des Stargeigers Yehudi Menuhin (1916 bis 1999).
Das Menuhin-Center zeigt in alten Dokumenten, Fotos und Filmaufnahmen, wie es dazu kam, dass der in New York als Sohn weissrussisch-jüdischer Auswanderer geborene Stargeiger und unermüdliche Kämpfer für Völkerverständigung ausgerechnet hier ein Klassik-Festival ins Leben gerufen hat, das bis heute jedes Jahr mehr als 20 000 Klassikfreunde ins Saanenland lockt.
Von zwei kleinen Konzerten zum Festivalsommer
Hier spielen der Zufall und ein tatkräftiger Kurdirektor eine Rolle. Menuhin war Anfang der 1950er-Jahre eigentlich nur zur Sommerfrische hier. Er hatte für einige Monate ein Chalet in Gstaad gemietet. Fünf Jahre später kaufte er ein eigenes Haus in Gstaad, in dem er mit Familie und Musikerfreunden die Sommer verbrachte. Çetin Köksal, Präsident des Menuhin Centers, verrät: «Paul Valentin, der damalige rührige Kurdirektor, erkannte die Chance. Er sprach 1956 bei Menuhin vor, ob er sich vorstellen könnte, eine sommerliche Konzertreihe mit seinen Musikerfreunden zu machen. Denn von Juli bis September war damals noch Flaute in Gstaad.» Das Projekt war längst angerissen. Menuhin musste nur noch zustimmen. Ab 1957 leitete er das Festival 40 Jahre lang. «Das Ganze startete mit zwei Konzerten in der Kirche Saanen mit ihren 600 Sitzplätzen. Die erste Kategorie kostete damals zehn Franken, die zweite drei», so Köksal. Menuhin schätzte die Kirche wegen ihrer herausragenden Akustik. Bis heute ist sie einer der Konzertorte.
Grosse Konzerte im Zelt
In den Jahrzehnten ist das Festival stetig gewachsen. In Gstaad steht deshalb seit einem Vierteljahrhundert sogar ein von aussen stark an ein Zirkuszelt erinnerndes Festivalzelt. Es ist mit Akustikpaneelen ausgestattet und Spielort für die besonders publikumsträchtigen Konzerte mit grossen Solisten und bekannten Orchestern und Dirigenten. «Es hat 1800 Plätze und ist mittlerweile ein wenig in die Jahre gekommen. Der Plan ist, es durch die Gstaad Concert Hall zu ersetzen, entworfen von Herzog & de Meuron», erzählt Larissa Thut Davidson, die als Kommunikationsleiterin des Festivals amtet.
Wichtig ist den Festivalmachern neben einem hochklassigen Programm, das viel Raum für Neuentdeckungen bietet, dass der Geist Menuhins hier weiterhin wirken kann. «Er war ein grosser Menschenfreund und Humanist, setzte sich zeitlebens für Völkerverständigung ein und sah die Musik als verbindende Kraft zwischen den Menschen», sagt Köksal, «und hier in Gstaad gewann er die Herzen der Eingesessenen ganz einfach durch seine grosse menschliche Wärme. Viele erzählen heute noch Geschichten über besondere Begegnungen mit ihm.»
Niederschwelliger Zugang
Es war Menuhin wichtig, so vielen Menschen wie möglich niederschwellig Zugang zu Musik zu verschaffen. Auch deshalb ist ein umfangreiches Familienprogramm («Discovery») Bestandteil des Festivals. 2026 ist ein insofern besonderes Jahr, als Christoph Müller im vergangenen Jahr nach 24 Jahren die Intendanz abgegeben hat. Das diesjährige Festival steht erstmals unter der künstlerischen Leitung des deutsch-irischen Violinisten Daniel Hope (52). Er amtet bereits seit zehn Jahren als Music Director des Zürcher Kammerorchesters. «Hopes Mutter arbeitete lange Zeit als Menuhins Sekretärin. So bekam er als Kind Geigenunterricht bei Menuhin und verfolgte von klein auf die Konzerte des Festivals. Er hat eine Menge von Menuhins Geist mitbekommen und will dessen humanistisches, völkerverbindendes Lebensthema hier weiterziehen», sagt Davidson.
So entwickelt sich das Festival immer weiter und bleibt doch dem Ursprungsgedanken treu. In diesem Jahr gibt es gleich zwei neue Formate: Eine Filmreihe im Ciné Theatre Gstaad mit drei seltenen Filmdokumenten über Yehudi Menuhin und die President's Hikes. Richard Müller, der Festivalpräsident, ist auch Wanderführer und tief im Saanenland verwurzelt. Im August bringt er beides zusammen. «Richard Müller führt drei Wanderungen, an deren Route kleine Konzerte stattfinden. Ein sehr intimes Format mit wenigen Dutzend Leuten, bei dem die Berge zur Kulisse der Musik werden», so Davidson.
Das Festival läuft noch bis zum 5. September. Und, Tipp von Davidson: «Es hat wegen der Vielzahl der Konzerte gewöhnlich auch kurzfristig noch Tickets. Unbedingt versuchen.»
Der Menuhin-Philosophenweg
Wer zwischen all den Konzerten noch etwas Musse hat, sollte unbedingt den Yehudi-Menuhin-Philosophenweg ins Programm nehmen. Der 3,3 Kilometer lange Weg startet mitten in Gstaad an der St. Niklaus-Kapelle. Sie überstand den Stadtbrand von 1898, der die Hälfte der hölzernen Gstaader Chalets verschlang, da sie damals noch ausserhalb des Dorfes stand. Längst ist der Ort darum herum gewachsen. Beim Wiederaufbau wurde damals ein Mindestabstand der Häuser Pflicht und viel mehr Stein und Metall verbaut als vorher. Achten Sie beim Spaziergang entlang der Promenade darauf. Man kann den südlich der Bahnlinie erhaltenen alten Ortsteil an der unterschiedlichen Bauweise deutlich erkennen.
Heute gehört besagte Kapelle auch dank ihrer zentralen Lage zu den zahlreichen Orten, an denen Konzerte des Menuhin-Festivals stattfinden. Hier steht die erste der vierzehn Tafeln, die den Philosophenweg begleiten. Die Zitate darauf stammen teils von Menuhin, teils von Philosophen aus unterschiedlichsten Epochen und aus allen Ecken der Welt.
Der Spaziergang dauert knapp eine Stunde. Der Grossteil der Strecke führt entlang der gut beschatteten Saane und am Menuhin-Center in Saanen vorbei, wo eigens ein Stück der mit Geigen verzierten Balkonbrüstung von Menuhins Haus in Gstaad neben der Tafel montiert wurde. Der Philosophenweg endet am Ort der ersten Festivalkonzerte, bei der 1447 geweihten Mauritiuskirche in Saanen.
Menuhin Festival in Gstaad
Weitere Informationen zu Yehudi Menuhin in Saanen können Sie nachlesen unter: menuhincenter.ch/museum
Mehr über das Festival selbst erfahren Sie unter: menuhin.ch
Konzertempfehlungen von Larissa Thut Davidson (Kommunikationsleiterin des Festivals):
Mo 24.8. Daniil Trifonov & Sergei Dogadin: Prokofjew, Violinsonate Nr. 1 und Schostakowitsch: 24 Präludien op. 34 in der Kirche Saanen
Di 25.8. Sebastian Knauer, Klavier, Werke von Mozart, Schubert, Beethoven, Satie und Gershwin in der Kirche Lauenen
Sa 29.8. Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vasily Petrenko, Behzod Abduraimov am Klavier: Tscherepnin und Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 und Sinfonie Nr. 5
So 30.8. Hope Solo
Violine und Moderation: Daniel Hope, Werke für Violine Solo von J.S. Bach, Westhoff, Schulhoff, von Biber und Schnittke
Sa 5.9. J.S. Bach, Messe h-Moll
Arcangelo (Chor und Orchester), Jonathan Cohen, Leitung









