Bei Aufguss denken die meisten an Wasser mit Duftöl, das sich durch eine schwungvolle Kellenbewegung auf einen heissen Stein ergiesst. Ein wenig entschlossenes Wedeln mit dem Handtuch. Fertig.
Man kann das auch etwas ehrgeiziger angehen. Wir haben uns Tipps vom Profi geholt. Thorsten Moeller ist österreichischer Staatsmeister im Show-Aufguss. Er lässt sich in seiner unkomplizierten Art gern «Thor» nennen. Bereitwillig hat er uns erklärt, was da noch so alles drin liegt und was man sich davon auch in die Heimsauna holen kann.
«In den Show-Aufguss-Meisterschaften wird mit einer Choreografie aus Licht, Musik, passenden Düften und Showelementen gearbeitet, die zusammen eine Geschichte erzählen», erklärt er. Vor allem aber muss die Technik stimmen. Davon kann man einiges für die Heimsauna abschauen. Grundregel: «Ein guter Aufguss dauert höchstens eine Viertelstunde. Das ist die durch zahlreiche Studien belegte Maximaldauer», betont Thor. Die optimale Nutzung des heissen Steins ist ebenfalls eine Kunst für sich. «Man muss genau überlegen, wo man die Aufgüsse positioniert. Tropft man immer auf dieselbe Stelle, kühlt der Stein dort zu stark ab. Die Flüssigkeit muss systematisch verteilt werden.»
Von ein paar Achten wedeln zur Show
Noch vor wenigen Jahren wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass er einst sein Geld mit aufwendigen Aufgüssen verdienen könnte. Er war Ski-Lehrer mit Sommerjob als Bademeister. Vom Schwimmbad wurde er ab und zu als Aushilfe in die Sauna geschickt, um schnell einen Aufguss zu machen. Anfangs machte er genau das, was wir alle machen: Wasser auf den heissen Stein schöpfen, mit dem Handtuch abschlagen, ein paar Achten wedeln. Darüber ist er längst hinaus.
Als vor drei Jahren die Silvretta Therme in Ischgl neu gebaut wurde, bot man ihm eine Ganzjahresanstellung an. Er schlug zu. Seine Saisonjobs boten ihm auf Dauer zu wenig Perspektive. Und da tauchte er in eine ganz neue Welt ein. «Unsere Arbeitsverträge begannen Monate vor der Eröffnung. Wir haben in der Zeit nicht nur gelernt, die Technik der Therme zu betreiben, sondern haben auch die Wellness-Konzepte erarbeitet, Schulungen von anderen Saunameistern bekommen, immer wieder Aufzeichnungen von professionellen Aufgusshows analysiert und eigene Ideen ausgearbeitet.»
Die Teilnahme an den Meisterschaften war für ihn mit zunehmender Erfahrung ein logischer Schritt. «In die Feinarbeit für die viertelstündige Show habe ich vier Monate investiert», erzählt er. Es braucht Musik, Beleuchtung, die passenden Düfte. Als Showeffekt lässt er auch mal Schneebälle zu hellen Lichtblitzen explodieren. Dazwischen baut er ruhigere Teile mit passender Musik und kühlem blauen Licht ein.
Die Luft steuern
Der perfekte Aufguss beginnt mit den Details: «Wie hält man die Saunakelle, wie positioniert man den Eimer.» Mit dem Handtuch wird die warme Luft zu den Gästen gebracht, damit sie nicht nur vom Ofen senkrecht nach oben zieht. «Ich steuere mit der Wedeltechnik, wie die Luft bei den Gästen ankommt. Bewege ich das Handtuch zum Beispiel seitlich wie eine grosse Fahne, geht nur ein sanfter Zug an Gesicht und Armen vorbei.»
Vor einer weiteren Aufgussrunde schlägt er die warme Luft herunter wie mit einem Fallschirm, um die Temperatur zu senken. «Manchmal kann es das Beste sein, kurz die Tür zu öffnen. Das bringt Erleichterung in der Mitte des Aufgusses.» In der Show-Aufguss-Meisterschaft kommen weitere deutlich aufwendigere Handtuchtechniken zum Einsatz.
Düfte dürfen sich nicht mischen
Thors ganz spezielles Steckenpferd sind die Düfte. Die Dosierung erfordert Fingerspitzengefühl. Der Duft soll wahrnehmbar, aber nicht unangenehm stark sein. In den Show-Aufguss-Meisterschaften ist zum Beispiel eine Abfolge von mindestens drei Düften erforderlich, die sich nicht vermischen sollen.
«Ätherisches Öl vermischt sich nicht mit Wasser. Es muss mit Wasserdampf erhitzt werden», erklärt er. Ein beliebter Trick ist es darum, mit Schneebällen zu arbeiten. Meist nimmt er Crushed Ice, wie man es für Cocktails verwendet. Es lässt sich sehr gut zu Bällen formen und mit Duftöl beträufeln. «Beim Schmelzen des Schnees entsteht ein Zug von Feuchtigkeit zur Raumdecke. Verdampfe ich nur flüssiges Wasser, dann rinnt der Grossteil zu Boden und mit ihm das Öl. Bestenfalls die Hälfte kommt in die Luft.»
Knoblauch in der Sauna
Thor stellt gern sehr spezielle Düfte her. Vom Gin-Tonic- über Milch- bis zum Pizza-Aufguss hat er schon alles ausprobiert. «Das mit der Pizza fand mein Chef erst zu schräg und wollte wissen, wie ich mir das vorstelle. Tomaten, Oregano, Knoblauch hab ich ihm geantwortet.» Knoblauch in der Sauna? Oh je. Wenn du meinst, habe der Chef gefunden. Hinterher sei er begeistert gewesen: Er habe sich gefühlt wie neben einer duftenden Pizza, die soeben im Ofen knusprig gebacken wird.
Die Funktion der Düfte fasziniert Thor einfach: «Ingwer wärmt. Minze kühlt auf der Haut. Lavendel beruhigt. Mein Liebling ist Wacholderbeere.» Sie sei ein wichtiger Bestandteil im Gin, daher verbinde man den Geruch damit. «Der süsse Duft wirkt reinigend.» Für Entspannung und Konzentration auf sich selbst empfiehlt er Sandelholz: «Das beste kommt aus Neukaledonien. Toll ist auch Zeder aus dem Himalaya. Sie wirkt tiefenaktivierend, bringt reichlich starke Wärme.»
Die perfekte Aufgussfolge
Natürlich haben wir ihn nach der perfekten Aufgussfolge gefragt. Der ideale Aufguss enthalte drei Runden, da das Öl nur drei Minuten in der Luft bleibe, betont er. «Ich beginne gern mit Holz, etwa Kiefer. Danach Zitrus, das befreit die Atemwege, entschleimt, macht klar im Kopf.» Anschliessend müsse man je nach Situation entscheiden. «Am Vormittag eignet sich Minze, da sie Energie bringt, reinigt und erfrischt.» Bei regnerischem Wetter oder gegen Abend seien Blumen die bessere Wahl: «Lavendel oder Kamille beruhigen. Man kommt runter und verlässt die Sauna mit einer schönen Wärmedecke auf der Haut. Wenn ich an die Wirkung von Kamille denke, kriege ich Gänsehaut. Es ist enorm, diese Wärme zu erleben.» Das sei ein echter Geheimtipp.
Richtig abkühlen – wie die Finnen
Wenn wir schon bei der richtigen Abfolge sind, dann will Thor unbedingt noch etwas loswerden: Wie wichtig es ist, hinterher richtig abzukühlen. Auf keinen Fall solle man direkt ins kalte Wasser springen. «Kälte schliesst die Hautporen. Das Körperinnere ist aber noch aufgeheizt. Die Wärme kommt dann nicht raus.»
Das häufig von seinen Gästen vorgebrachte Argument, in Finnland springe man doch auch sofort in den See, lässt er nicht gelten. «Der Finne stapft erst einmal von der Saunahütte bis zum See. Das dauert einige Minuten, in denen er auch kühle Luft einatmet. Sie wird über die Lungen im Körper verteilt, während die Poren die Hitze hinauslassen.»
Apropos Finnland: Wie sieht es eigentlich mit finnischen Aufguss-Weltmeistern aus? Thor wird das immer wieder gefragt. Durch die weit verbreitete Saunatradition läge es schliesslich nahe, dass es da einige gäbe. Weit gefehlt: «Die Meisterschaften teilen sich die Zentraleuropäer untereinander auf: Schweiz, Österreich, Deutschland, Belgien, Niederlande, Norwegen, Italien, Tschechien, Polen, Slowakei. Frankreich, Spanien und Portugal sind langsam im Kommen.» Und die Finnen? Die betreiben ihre Saunagänge lieber wie gehabt ganz unspektakulär. «Die sagen mir: Ist ja schön, dass ihr das macht. Für uns ist das nichts», schmunzelt Thor.