Wohnen

Die neue Lust am Lüster

Sie spenden wohltuendes Licht und ziehen alle Blicke auf sich: Kronleuchter. Ob opulent, auf wenige Linien reduziert, aus Glas, Metall oder mit LED-Bändern – wir stellen unterschiedliche Neuinterpretationen von namhaften Designern vor.

von Andrea Eschbach

Journalistin, Zürich

Über Jahrhunderte war der Kronleuchter repräsentativen Räumen vorbehalten. Was mit einfachen Leuchtern für mehrere Kerzen begann, entwickelte sich in Schlössern und Bürgerhäusern zum prachtvollen Lichtobjekt aus Glas und Kristall. Mit der Elektrifizierung verlor der Kronleuchter zwar seine ursprüngliche Aufgabe, möglichst viel Kerzenlicht im Raum zu verteilen – nicht aber seine Wirkung. Heute nehmen Designerinnen und Designer den Klassiker wieder auf: mal opulent, mal bis auf wenige Linien reduziert, aus mundgeblasenem Glas, aus Metall oder mit flexiblen LED-Bändern. Der Kronleuchter ist leichter geworden – formal wie tatsächlich.

Schweizer Lichtblicke

Zwei interessante Neuinterpretationen kommen aus der Schweiz. Die Neuenburger Designerin Laure Gremion nutzt bei ihrem Kronleuchter «Céleste» (4) aus eigener Produktion ausgerechnet ein technisches Bauteil, das normalerweise möglichst unsichtbar bleiben soll. Ein flexibler LED-Streifen wird nicht wie üblich auf eine feste Fläche geklebt, sondern darf seine weiche Seite zeigen. In grosszügigen Schlaufen windet sich das leuchtende Band um die Mitte der Leuchte. Die in regelmässigen Abständen gesetzten Dioden erinnern dabei fast an die funkelnden Kristalle eines alten Lüsters. Ein oder zwei Module lassen unterschiedliche Formen und Grössen entstehen. Sechs Jahre tüftelte Gremion an dem Entwurf, seit 2023 wird «Céleste» als nummerierte Edition in Zusammenarbeit mit der Fondation Alfaset in Neuenburg hergestellt.

Auch der Luzerner Lichtdesigner Christian Deuber zitiert mit «Stella» (5) die klassische Form des Kronleuchters, allerdings sehr viel direkter. Entstanden ist die Leuchte für den «Luxhof» in Chur, einem Umbau des Architekturbüros Werkgruppe für Architektur / Wolf und Münger Architekten, in deren Auftrag Deuber das Lichtkonzept entwickelte. Drei oder fünf Arme bilden eine klare, fast grafische Figur. Statt Kerzen sorgen LEDs für Licht. «Stella» kann direkt an der Decke sitzen oder als Pendelleuchte tiefer in den Raum rücken. Im Luxhof taucht sie in unterschiedlichen Bereichen immer wieder auf und wird damit vom einzelnen Schmuckstück zum verbindenden Element der Architektur.

Alte Form, neue Freiheit

Wie weit man sich inzwischen vom historischen Vorbild entfernen kann, zeigt Arik Levy mit «Nexum» (6) für Vibia. Statt eines zentralen Leuchtenkörpers entwirft Levy ein Geflecht aus horizontalen und vertikalen Linien. Die Lichtquellen verschwinden fast vollständig in der filigranen Struktur. So konzentriert sich das Licht nicht mehr auf die Mitte, sondern breitet sich im Raum aus. Näher am klassischen Lüster bleibt Boris Klimek mit «Arcade» (3) für Brokis. Zylindrische Glaskörper hängen an feinen Kordeln aus synthetischer Seide und scheinen frei im Raum zu schweben. Ihr sanft diffuses Licht und die Wiederholung der gläsernen Elemente erinnern an die üppige Wirkung historischer Kronleuchter, ohne deren Formen zu kopieren. Bei «Arcade+» kommt ein integrierter Spot hinzu, der gezielt Licht nach unten lenkt.

Dass Muranoglas noch immer hervorragend zum Kronleuchter passt, beweist Massimo Castagna mit «Alloy» (1) für Henge. Unregelmässige Röhren aus venezianischem Glas bilden eine frei schwebende Gruppe. Das Licht bricht und spiegelt sich in den unterschiedlich angeordneten Glaskörpern; je nach Blickwinkel verändert sich die Leuchte. Das Funkeln des Kristalllüsters findet hier eine zeitgenössische Entsprechung – weniger pompös, aber nicht weniger effektvoll.

Schwebende Skulpturen

Auf das Spiel von Leichtigkeit und Balance setzen Vittorio Venezia und Carolina Martinelli bei «Axia» (2) für Lodes. Die weit ausgreifende Pendelleuchte verbindet Lichtquellen und dekorative Elemente zu einer schwebenden Konstruktion. Der Kronleuchter wird dabei fast zur Skulptur: Auch ausgeschaltet behauptet sich «Axia» im Raum. Die Technik verschwindet nicht vollständig, sondern gehört sichtbar zur Konstruktion. Noch filigraner wirkt «Fragile» (7) von Jaume Ramírez für Marset. Kugel, Kegel und Zylinder bilden die geometrischen Grundelemente der Leuchte. In der einflammigen Variante erinnert sie an eine Kerze, die von der Decke herabschwebt. Zu Gruppen von drei, sechs oder neun Leuchten kombiniert, entsteht dagegen eine verzweigte Komposition. Die zarten Glaskörper hängen dabei an einer stabilen Aluminiumstruktur – ein reizvoller Gegensatz zwischen optischer Zerbrechlichkeit und konstruktiver Strenge.

Manchmal braucht es allerdings gar keine Neuerfindung. Zum 100. Geburtstag des von Poul Henningsen 1926 entwickelten PH-Systems hat Louis Poulsen den «PH 1 / 1 Kronleuchter Centenary Edition» (8) neu aufgelegt. Mit drei, sechs oder neun Armen bekennt er sich unverkennbar zur traditionellen Typologie.

Vom flexiblen Lichtband bis zum Muranoglas, von der geometrischen Struktur bis zum klassischen Leuchtenarm: Die neuen Kronleuchter zeigen, wie wandlungsfähig der alte Leuchtentyp ist. Und längst braucht es dafür weder Schloss noch herrschaftlichen Salon. Über einem Esstisch, in einem hohen Treppenraum oder Entrée übernimmt er noch immer jene Aufgabe, die er seit Jahrhunderten beherrscht: Licht zu spenden und dabei alle Blicke auf sich zu ziehen.