Zügeln mag wohl niemand wirklich. Karton um Karton füllen, dabei immer im Kopf: Was kommt mit, was kommt weg, was brauche ich bis zum Schluss, so dass es erst am letzten Tag in die Kartons darf? Das Naturhistorische Museum Basel hat das Ganze im deutlich grösseren Massstab vor – um einige Skalen grösser als alles, was wir je so zügeln müssen. Denn das Museum verlässt den alten Berri-Bau in der Nähe des Münsterplatzes und muss die kompletten Sammlungen in einen Neubau im St. Johann bringen.
«Was uns bevorsteht, kommt etwa dem Zügeln von 400 Haushalten aufs Mal gleich», sagt Co-Direktor David Alder. Allein das Zügeln selbst dauert ein Jahr. Die Vorarbeiten, von der Planung bis zum Packen der Kisten, laufen unbemerkt von den Museumsbesuchern bereits seit acht Jahren intensiv. Dazu muss man wissen, dass das, was wir in den Ausstellungsräumen zu sehen bekommen, nur einen winzigen Ausschnitt aus den Sammlungsbeständen abbildet. Das Museum hat in zweihundert Jahren die Archive in den nicht öffentlich zugänglichen fünf Untergeschossen unter den Museumsräumen dicht an dicht gefüllt.
Tausende Vogeleier
Nicht weniger als zwölf Millionen Objekte müssen mit. Darunter allein zwei Kilometer Papier wie Bücher und Archivmappen. «Das entspricht etwa der Distanz vom Messeplatz bis zum Bahnhof SBB», verdeutlicht Markus Maushart von Welti-Furrer, dessen Zügelunternehmen die Ausschreibung gewonnen hat.
Den Grossteil der zu zügelnden Objekte machen jedoch die Sammlungen aus. Jedes Objekt ist fragil, teils Jahrmillionen alt, fast jedes ein unersetzliches Einzelstück. Wer jetzt vor allem an Fossilien und Tierskelette denkt: Ja, die sind riesig und auch heikel im Transport. Aber es gibt zum Beispiel auch eine tausende Exemplare umfassende Vogelei-Sammlung. Bisher lagerten allesamt in offenen, säuberlich beschrifteten Kartonschächtelchen. Gut für Archivschränke, unbrauchbar für den Transport. Sie alle wurden mit Kapokfasern umhüllt und in neue Plastikdosen verpackt. Man mag sich die vielen Arbeitsstunden allein dafür kaum vorstellen.
In Alkohol konservierte Tiere werden zum Gefahrengut
Unter anderem müssen auch fünf Millionen sorgfältig auf Stecknadeln aufgespiesste und mit winzigen Etiketten einzeln beschriftete Käfer, Insekten, Schmetterlinge und andere Wirbellose mit. Es müssen sechs Millionen Säugetiere, Saurier, Fische, Mollusken (viele davon in Gläsern in Alkohol konserviert), hunderttausende präparierte Vögel, Amphibien und Reptilien sowie zehntausende Mineralien mitgenommen werden. Die riesige Sammlung der in alkoholgefüllten Gläsern konservierten Fische und Schlangen ist eine enorme Knacknuss. Jedes der Gefässe ist mundgeblasen und somit ein Einzelstück. Die zugehörigen Deckel ebenso. Allesamt wurden gereinigt, neu befüllt, wieder verschlossen. Damit und mit der sicheren Verpackung ist es dann aber nicht getan. «Die Gläser sind mit 75-prozentigem Ethanol gefüllt. Das macht sie beim Transport zum Gefahrengut, da zumindest theoretisch Explosionsgefahr besteht. Und wir müssen damit ja mitten durch die Stadt fahren», so Alwin Probst, der das Präparatorium leitet. Das ist nur mit aufwendigen Sondergenehmigungen möglich.
Knapp eine Million Franken wird allein das Umzugsunternehmen Welti-Furrer kosten. Die unzähligen Arbeitsstunden der Museumsmitarbeitenden sind da noch gar nicht eingerechnet. Das Museum wird ein Jahr lang sechs Leute im Dauereinsatz haben. Drei im Museum und drei, die alles im Neubau an den bereits exakt festgelegten Platz bringen. Die Kisten sind nach einem ausgeklügelten System beschriftet, so dass möglichst nichts unauffindbar am falschen Ort zu stehen kommt. Im März 2027 werden die ersten Kisten in die LKW verladen. Nicht leichter wird die Aufgabe dadurch, dass es im ganzen Haus nur einen einzigen, nicht allzu grossen Lift gibt, den zu den Öffnungszeiten auch die Besuchenden nutzen. Vieles wird also zu ungewöhnlichen Zeiten verladen werden müssen. Ein Jahr später soll alles gezügelt sein. Und da man den Münsterplatz etwa während der Herbstmesse, dem Open Air Kino und dem Weihnachtsmarkt nicht mit Zügelcamions befahren kann, werden in diesen Zeiten die fünf Millionen Objekte gezügelt, die bereits an einen anderen Standort ausgelagert wurden.
Insektenflugzeiten meiden
Erfahrungswerte für einen Umzug dieser Grösse gibt es nicht, denn ein kompletter Museumsumzug kommt so gut wie nie vor. Dazu kommen weitere Herausforderungen. Da einige Insekten es etwa auf Haut, Haare und Fell abgesehen haben, können viele Sammlungsobjekte nur in der kalten Jahreszeit transportiert werden, wenn diese Schädlinge nicht fliegen.
Die Skelette etwa von Bisons oder Sauriern wiederum sind so gross, dass sie nicht durch die Türen des Museums passen. Sie müssen vorsichtig mindestens teilweise demontiert werden. Bei der Untersuchung der präparierten Skelette kam ohnehin zum Vorschein, dass manche Asbest enthielten. «Das ist etwa der Fall, wenn präparatorisch eingefügte Teile aus solchen Materialien gefertigt wurden. Sie müssen allesamt ersetzt werden, etwa künstlich nachgebildete Bandscheiben, die für ein naturgetreues Aussehen der Wirbelsäulen einiger Präparate eingefügt wurden», so Probst. Vieles muss aber auch einfach nur gereinigt und stabilisiert werden, bevor es zügelkistenfertig ist.
Eine Woche allein für die Giraffe
Das Prunkstück des Museums darf nun übrigens doch mit. Die Giraffe, die ihren langen Hals über mehrere Stockwerke im Treppenhaus streckt, ist bereits hundert Jahre alt und recht fragil. Lange war zweifelhaft, ob man sie nochmals gezügelt bekommt. Da sie der erklärte Liebling vieler Museumsbesucherinnen und -besucher ist, will man es nun wagen. «Das ganze Projekt wird etwa eine Woche dauern», sagt Markus Furrer, CEO des Zügelunternehmens Welti-Furrer. «Zuerst wird eine Art massgeschneiderte Zügelkiste um sie herum gezimmert, dann die Fenster ausgebaut und das Tier mit dem Kran vorsichtig herausgehoben.» Ob der Transport mit dem Helikopter oder auf der Strasse erfolgt, ist noch nicht endgültig geklärt. Am Neubau müssen ebenfalls die Fenster raus und dann wird die Giraffe an einem «ganz besonderen Ort» wieder aufgestellt. Wo genau im neuen Museum das sein wird, will man noch nicht verraten. Lassen wir uns überraschen.
«Was uns bevorsteht, kommt etwa dem Zügeln von
400 Haushalten aufs Mal gleich.»











