Klima auf der Terrasse

Die grüne Klimaanlage

Schatten spenden, Wasser verdunsten und auf Terrassen für ein angenehmes Mikroklima sorgen: Bäume sind Meister der natürlichen Klimaregulierung.

von Tobias Franzke

Silvedes AG, Brütten

Der Sommer 2026 hat Menschen, Tiere und Pflanzen in besonderer Weise gefordert. Aussergewöhnlich lange Phasen mit andauernder Hitze und kaum Niederschlag – selbst für die meisten Sonnenanbeter zu viel des Guten. Besonders spürbar ist die Hitze dort, wo grosse Flächen der Sonne ausgesetzt sind. In der Stadt, auf versiegelten Flächen – und auf der heimischen Attikaterrasse. Wo eigentlich Freizeiterholung gesucht wird, sind Beläge und Fassaden der intensiven Sonneneinstrahlung ausgesetzt und heizen sich stark auf. Dabei bietet die Natur seit Jahrtausenden eine bemerkenswert einfache, nachwachsende Lösung: den Baum. Er spendet Schatten, verdunstet Wasser und schafft damit ein angenehmes Mikroklima. Eine grüne Klimaanlage, die weder Strom benötigt noch Lärmemissionen verursacht – und dabei auch noch schön anzusehen ist.

Funktionsweise der natürlichen Klimaanlage

Bäume sind Meister der natürlichen Klimaregulierung. Jedes Blatt ist so angeordnet, dass es möglichst viel Licht für die Photosynthese einfängt. Dadurch spenden sie bereits wirkungsvollen Schatten. Für die Assimilation benötigt der Baum CO2 aus der Umwelt, das er über die Spaltöffnungen der Blätter aufnimmt. Öffnet der Baum diese Stomata, entweicht Wasserdampf in die Aussenluft. Dieser Phasenwechsel von flüssigem Wasser zu Dampf kühlt das Blatt und seine Umgebung – es entsteht der erfrischende «Wald-Effekt».

Diese Kühlung schützt nicht nur den Baum und sein Umfeld vor Überhitzung. Die Verdunstung erzeugt zudem einen Unterdruck in den Leitungsbahnen – der Transpirationssog zieht wie ein Strohhalm Wasser aus dem Wurzelbereich in die Baumkrone. Dank der Photosynthese sind Pflanzen die Einzigen, die Sonnenenergie in eine für andere Lebewesen nutzbare Energieform umwandeln und somit das Fundament des Lebens schaffen (siehe Infobox).

Jeder Baum bringt Kühlleistung

Auf einer sonnenexponierten Terrasse lässt sich die Auswirkung unmittelbar erleben. Unter dem Blätterdach entsteht nicht nur ein Gefühl der Geborgenheit. Die Krone spendet Schatten und schafft ein angenehmes Mikroklima. Je mehr Laubmasse der Baum in den Überkopfbereich bringt, umso grösser ist die Kühlwirkung.

Der Effekt reicht dabei über die einzelne Terrasse hinaus. Gerade im dicht bebauten Siedlungsraum zählt jeder Baum, weil er dazu beiträgt, die sommerliche Überhitzung zu mindern. Intensiv bepflanzte Gebäude wie der Bosco Verticale in Mailand schaffen es, die Temperatur im Gebäude und sogar in der Umgebung um mehrere Grad Celsius natürlich zu senken. Die Pflanzen beschatten Flächen, kühlen durch ihre Verdunstung, binden Kohlenstoff und produzieren dabei Sauerstoff. Zudem schaffen sie wertvolle Lebensräume für Tiere in der urbanen Umgebung.

Pflanzen als architektonische Elemente

Der reichlich bepflanzte Bosco Verticale ist ein Leuchtturmprojekt mit einer Strahlkraft weit über Mailand und Italien hinaus. Das Hochhaus zeigt, wie viel Natur in der Architektur möglich ist – das Projekt hat inzwischen viele Nachahmer gefunden. Nun will nicht jeder Attikabesitzer einen üppig bepflanzten Garten vor der Stubentür anlegen und diesen auch unterhalten. Aber bereits einige gezielt platzierte Terrassenbäume verändern den Temperaturverlauf spürbar. Beispielsweise überspannen die schirmförmig aufgebauten Gehölze Sitzplätze mit ihrer Krone und lassen gleichzeitig die Aussicht frei. Charaktervolle Stämme rahmen den Weitblick ein, und ein lebendiges grünes Dach entsteht darüber. Auf diese Weise schaffen Schattenbäume Terrassenräume und werden zu einem raumgebenden Teil der Architektur. Besonders geeignet dafür sind die Japanischen Fächerahorne. Sie weisen eine grosse Anzahl an Arten und Sorten mit den unterschiedlichsten Wuchsformen, Blattstrukturen und Farben auf. Sie sind so vielgestaltig, dass sich für jede Situation die passenden Charakterbäume finden lassen.

Wasser bringt die Kühle

Die Verdunstungskühle hat eine wichtige Voraussetzung: Wasser. Wenn der Baum ausreichend mit dem Lebenselixier versorgt ist, kann er über seine Blätter Feuchtigkeit an die Umgebung abgeben und seine Kühlwirkung entfalten.

Ein eigens für die Verwendung auf Terrassen produzierter Baum verfügt über ein stärker verzweigtes Wurzelwerk, das auch im Gefäss bei beschränktem Wurzelraum eine effiziente Wasseraufnahme ermöglicht. Das spezielle Produktionsverfahren bewirkt einen überdurchschnittlichen Feinwurzelanteil, der den Baum leistungsfähiger macht. Sorgt zudem eine gut geplante Tropfbewässerung für eine grossflächige Wasserverteilung im Wurzelbereich, kann sparsamer dosiert werden.

Zeitgemässe WLAN-Steuerungen ermöglichen darüber hinaus eine bequeme Kontrolle der Bewässerungsprogramme und die Anpassung an aktuelle Bedingungen. Sie können per Smartphone von überall her bedient werden. Somit lässt sich die Wasserversorgung in Hitzephasen oder bei ausgiebigen Niederschlägen entsprechend verändern.

Lebensraum über den Köpfen

Mit Schattenbäumen kommt ein Stück Natur auf die Terrasse. Gerade in dicht bebauten Gebieten sind solche kleinen grünen Inseln wertvoll. Eine sorgfältig bepflanzte Terrasse schafft Lebensräume und trägt zur Lebensqualität ihrer Bewohner bei. Der positive Einfluss aufs Mikroklima und die Kühlleistung von Bäumen werden so jeden Tag erlebbar. Die beste Klimaanlage für unsere Aussenbereiche ist jene, die gar nicht wie eine Klimaanlage aussieht.

Primärproduktion und Wetterextreme

Mit der Photosynthese fangen Pflanzen Sonnenenergie ein und machen sie durch die Produktion von Biomasse auch für andere Lebewesen nutzbar. Diese Primärproduktion bildet das Fundament der Nahrungskette und damit eine der ersten Stufen des Lebens. Dieses Prinzip besteht seit Jahrmillionen. Die Erdgeschichte hat einen gigantischen Energiespeicher angelegt: Kohle, Erdöl und Erdgas sind letztlich über Millionen Jahre konservierte Sonnenenergie – chemisch gebunden und tief im Erdinneren eingeschlossen.

Mit dem Beginn des fossilen Zeitalters haben wir begonnen, diese «tiefgefrorene» Energie anzuzapfen und durch Verbrennung innerhalb kürzester Zeit wieder freizusetzen. Hier greift der erste Hauptsatz der Thermodynamik: Energie kann in einem geschlossenen System weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden.

Die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehende Wärmeenergie ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend ist die steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Kohlendioxid lässt kurzwellige Sonnenstrahlung weitgehend passieren, absorbiert jedoch einen Teil der langwelligen Wärmestrahlung, die von der erwärmten Erdoberfläche ins All abgegeben wird. Dadurch bleibt mehr Energie im Klimasystem, die globale Erwärmung nimmt zu und bestimmte Wetterextreme werden wahrscheinlicher oder intensiver. Wir erhalten damit die thermodynamische Quittung: Die einst gespeicherte Sonnenenergie trägt heute zur Erwärmung unseres Klimas bei.