Design

Die fantastische Welt des Verner Panton

Fabelhafte Wohnlandschaften, schmeichelndes indirektes Licht, fröhliche Farbigkeit – Verner Pantons Möbeldesigns waren wegweisend und sprechen uns noch heute an. Eine Retrospektive zum 100. Geburtstag.

von Alexandra von Ascheraden

Journalistin

Schwebende Stühle und modulare Möbel, die Räume in Landschaften mit intensiven Farben und teils mehreren nutzbaren Ebenen verwandeln – Verner Panton (1926-98) wirkte über Jahrzehnte prägend in der europäischen Designszene. «Er setzte sich über die ‹Designkonzepte› seiner Zeit hinweg, brachte leuchtende Farbkonzepte und Spass ins Design, schuf organische Formen. Und er brachte die Vertikale ins Design», sagt Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums.

Drei Jahre bei Arne Jacobsen

Als Absolvent des Studiengangs Architektur an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen war Verner Panton eigentlich in der Tradition des dänischen Möbeldesigns zu Hause und sammelte erste Berufserfahrung im Büro des bekannten Architekten Arne Jacobsen. Schon früh entwickelte er völlig neue, radikale Raumkonzepte.

«Bereits in den 1950er-Jahren begann er, die Standards und Konventionen häuslicher Raumausstattung grundsätzlich zu hinterfragen», so Kries. Dabei kombinierte Panton das neue, unbeschwerte Lebensgefühl der Nachkriegsjahre mit der Präzision eines Industriedesigners. Viele seiner Entwürfe wurden zu Designklassikern.

Fliegende Bananen

Unvergessen und radikal in der Vertikalität sind seine schwebenden Flying Chairs. Mithilfe eines Seilzugsystems lassen sie sich auf beliebiger Höhe positionieren. In Knallgelb erinnern die Sitzobjekte an fliegende Bananen.

Die wohl sinnlichste Verkörperung von Pantons Vorliebe für die Vertikale und für durchdachte Farbkompositionen ist die Fantasy Landscape. Im Auftrag des Chemiekonzerns Bayer füllte Panton 1970 für die Messe «Visiona II» mit dieser Fantasielandschaft aus ausgeklügelter Möblierung in Regenbogenfarben sowie Leuchten, Wand- und Deckenverkleidungen den Schiffsbauch eines Ausflugsdampfers. Die Fantasy Landscape sollte die Möglichkeiten der neuen Synthetikstoffe zeigen, die dank der Fortschritte der chemischen Industrie verfügbar geworden waren.

Einen Nachbau davon kann man in der Ausstellung erleben. Ein einzigartiges Raumerlebnis, das seine Wirkung auch heute nicht verloren hat. Schuhe aus und hinein. Liegen, sitzen, klettern, ruhen – die Flächen auf verschiedenen Ebenen laden ein, sie auszuprobieren.

Panton-Chair: Materialprobleme

Der Möbelhersteller Vitra hat über Jahrzehnte intensiv mit Verner Panton zusammengearbeitet. Nun widmet er ihm zum 100. Geburtstag eine Retrospektive. Das berühmteste Objekt, das diese Kooperation hervorgebracht hat, ist wohl der Panton Chair, einer von Pantons wenigen Solitären.

Die grundlegende Idee dahinter hatte Panton schon seit den 1950er-Jahren beschäftigt. Sein Ziel war es, einen Stuhl zu schaffen, der sich organisch aus einem Stück entwickelte und keine Hinterbeine benötigte. Kuratorin Susanne Graner erzählt beim Ausstellungsrundgang: «1956 entstanden die ersten Skizzen. Er liess ein 1:1-Modell aus Polystyrol anfertigen und reiste mit diesem durch Europa, um einen Hersteller zu finden.» Er fand keinen. «Die Idee eines Freischwingers aus Kunststoff war einfach zu radikal. Erst auf einer Möbelmesse in Cannes wurde Willi Fehlbaum von Vitra darauf aufmerksam und war bereit, die Idee weiterzuverfolgen.»

In den 1960er-Jahren, als Panton bereits nach Basel umgezogen war, setzten sie die Produktionsversuche fort. Die erste Kleinserie von 1967 war noch aus glasfaserverstärktem Polyesterharz, mit enorm viel Handarbeit verbunden und nicht in namhaften Serien herstellbar. Ab 1968 versuchte man es mit farbig lackierten Polyurethan und ab 1971 mit dem einfärbbaren Polymerkunststoff Luron S. Dieser war zwar spritzgussgeeignet, nur zeigte sich bald, dass er nicht alterungsbeständig war. Der Stuhl wurde dann zwischenzeitlich von der Firma Horn produziert. 1999 holte man ihn zu Vitra zurück und produziert ihn seitdem aus Polypropylen.

Cone Chair

In der Ausstellung sind Panton-Stühle in allen Entwicklungsschritten zu sehen, ebenso wie viele andere ikonische Entwürfe. Etwa die der Cone-Chair-Serie. «Verner Panton durfte 1958 den Anbau der väterlichen Gaststätte auf der dänischen Insel Fünen entwerfen und ausstatten. Er schuf dort sein erstes Raumkonzept. Abgestufte Rottöne bestimmten den Raum, die passenden Leuchten entwarf er auch gleich. Für die Stühle nahm er einen Kegel, stellte ihn auf die Spitze und schuf einen Drehstuhl. Der Raum wurde ein Mekka für Design-Affine», so Graner weiter.

Die stoffbespannten Cone-Chairs und zahlreiche Varianten davon, darunter solche aus Chromstahl und Acryl, gingen ab 1959 bei Plus-Linje in Produktion. Später entwarf Panton für die Firma sogar einen aufblasbaren Hocker aus Kunststofffolie. Auch das ist ein spektakulärer Entwurf. Allerdings waren die Schweissnähte bei vielen Exemplaren ein Schwachpunkt. Die für solche Projekte wirklich geeigneten Materialien und Produktionstechniken entwickelte man erst später.

40 000 Dokumente im Archiv

Alle Objekte stammen aus dem Panton-Archiv im Vitra Design Museum. Es umfasst Möbel, Prototypen, Modelle sowie mehr als 40 000 Dokumente, darunter über 20 000 Pläne und Zeichnungen. Auf dieser Grundlage kann die Ausstellung Werke aus allen Schaffensperioden Pantons präsentieren und ermöglicht einen differenzierteren Blick auf den Designer als bisher. So wird beispielsweise Pantons unrealisiertes architektonisches Werk erstmals ausführlicher gezeigt und bei vielen Designprojekten der Entwurfsprozess beleuchtet.

So hatte er mit seinem Büro intensiv am Wettbewerbsbeitrag für das Gebäude des Centre Pompidou in Paris gearbeitet und die Entwürfe auch rechtzeitig auf den Weg geschickt. Ein Poststreik allerdings sorgte dafür, dass sie dort nicht eintrafen.

Wer sehen will, was wir dadurch vielleicht verpasst haben – die Pläne liegen in der Ausstellung auf. Auch sonst – nehmen Sie sich Zeit, alles zu entdecken. Betrachten Sie die Vielfalt an modularen Möbelsystemen, die Verner Panton im Laufe seines Schaffens entworfen hat – vom Sofasystem Studioline (1961 für France & Son) biszu den 1965 für Kaufhof entwickelten textilbezogenen Kuben, aus denen man sich eine Sitz- und Liegelandschaft selbst zusammenstellen konnte. Dazu die farbstarken Textilentwürfe mit ihren abstrakten geometrischen Mustern – ein Fest fürs Auge.

Viele seiner Gesamtentwürfe existieren nicht mehr, werden aber in Bildern gezeigt. Etwa die berühmte Kantine des Spiegel-Verlags in Hamburg (1970). Im Jahr 2000, zwei Jahre nach seinem Tod, widmete Vitra Panton schon einmal eine Retrospektive. «Damit ist Panton der einzige Künstler, dem wir bereits zum zweiten Mal so viel Raum in unseren Ausstellungsräumen geben», merkt Mateo Kries an.

«Verner Panton. Form, Farbe, Raum»

Die Ausstellung des Vitra Design Museums läuft bis zum 9. Mai 2027 im Schaudepot.

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