Ratgeber Tiere

Amphibien: Faszination und Schutz

Ende Winter, wenn die Nächte milder werden, beginnt ein beeindruckendes Naturschauspiel: die Amphibienwanderung. Aber nicht nur auf dieser spektakulären Reise sind die Tiere Gefahren ausgesetzt, es lauern noch viele mehr.

von Esther Geisser

Präsidentin Network for Animal Protection

Wenn im Februar die Temperaturen steigen, erwachen Amphibien aus ihrer Winterruhe. Frösche, Kröten und Molche verlassen ihre Winterquartiere und machen sich auf zu einer gefährlichen Wanderung. Das Ziel ist die Rückkehr zu ihren Laichgewässern, wo sie für die nächste Generation Amphibien sorgen werden. Ein gewaltiges Schauspiel, das leider mit vielen Gefahren für sie verbunden ist. 

Beginnt wegen der Klimaveränderung diese Wanderung zu früh im Jahr, besteht das Risiko von erneutem Frost. Gefrieren Gewässer, wenn die Tiere schon gelaicht haben, kann dadurch die Nachkommenschaft eines ganzen Jahres vernichtet werden. Und das ist fatal, denn die Amphibien gehören zu den am stärksten bedrohten Tierarten weltweit. 

In der Schweiz leben 19 einheimische Arten, wovon 15 auf der Roten Liste stehen. Somit sind knapp 80 Prozent der Amphibien bei uns gefährdet. Das ist mehr als im übrigen Europa. Deshalb sind alle Amphibien in der Schweiz gesetzlich geschützt. Sie dürfen weder gefangen, verletzt noch getötet werden. Das gilt auch für ihre Eier, Larven oder die Kaulquappen, die leider trotzdem immer wieder von Kindern als «Forschungsobjekte» aus Weihern und Teichen gezogen werden.

Im Wasser und auf dem Land

Vor etwa 370 Millionen Jahren eroberten Amphibien als erste Wirbeltiere das Land, konnten sich aber nie ganz vom Wasser lösen. «Amphibisch» bedeutet entsprechend «im Wasser und auf dem Land lebend oder sich bewegend». Die faszinierende Evolutionsgeschichte dieser Wesen spiegelt sich heute noch in der Entwicklung jeder einzelnen Kaulquappe beim Übergang vom Wasser- zum Landbewohner. 

Die Haut der Amphibien ist drüsig und wasserdurchlässig. Schuppen, wie zum Beispiel bei Eidechsen, die manchmal mit Salamandern oder Molchen verwechselt werden, haben die Tiere nicht. An Land sind sie ständig vom Austrocknen bedroht. Sie sind deshalb auf verschiedene für sie intakte Lebensräume angewiesen. Deshalb sind auch der Schutz und Erhalt von Mooren und Biotopen im Schweizer Gesetz sowie in der Verordnung über den Natur- und Heimatschutz geregelt.

Zur Fortpflanzung brauchen alle Amphibien, ausgenommen der Alpensalamander, Gewässer. Dabei sind die Ansprüche sehr unterschiedlich. Frösche, Molche und Kröten benötigen stehende Gewässer, um ihren Laich abzusetzen. Langsam fliessende Waldbäche werden hingegen vom Feuersalamander genutzt. Er aber setzt keinen Laich, sondern bereits atmende Larven ab.

Der Gelbbauchunke reichen vegetationsfreie und oft zufällig entstandene Pfützen, die sich schnell aufwärmen und die rasche Entwicklung der Larven fördern. Trocknen solche Pfützen aber aus, kann der Laich absterben. Dass die Gelbbauchunke mehrmals im Jahr Eier ablegen kann, verringert das Aussterberisiko glücklicherweise ein wenig. 

Gefährliche Massenwanderung

Sobald Anfang des Jahres die Temperaturen wenige Grade über der Nullgradgrenze liegen, beginnt also die grosse, auffällige Wanderung. Insbesondere Grasfrösche, Erdkröten und Molcharten wie Teichmolch, Bergmolch, Fadenmolch und Kammmolch machen sich auf den Weg vom Winterquartier zu ihren Laichgewässern und legen dabei Strecken von bis zu mehreren Kilometern zurück. Allzu häufig müssen sie dafür Strassen oder Bahngleise überqueren und fallen dabei in Massen dem Verkehr zum Opfer. In den 70er-Jahren fand dieses Massensterben zum ersten Mal grosse Beachtung. Seither organisieren Naturschutzverbände jedes Jahr Schutzmassnahmen, um dieser Tragödie entgegenzuwirken. Sie stellen an gefährlichen Stellen Amphibienzäune und Warnschilder auf und suchen Freiwillige, die helfen, die Amphibien von Hand sicher über die Strasse zu geleiten. Mancherorts werden Strassenabschnitte in dieser Zeit nachts oder sogar ganz für den Verkehr gesperrt. An einigen Stellen werden auch permanente Kleintierdurchlässe mit Leitwerken gebaut.

Tempolimit 30 kann Leben retten

Leider haben noch viel zu viele Strassenabschnitte keine oder zu wenige Schutzmassnahmen für die Amphibien. Jeder Verkehrsteilnehmer ist deshalb angehalten, seinen Teil zum Schutz der gefährdeten Tiere beizutragen, indem er Hinweisschilder beachtet und Strassenabschnitte mit dem Amphibien-Warndreieck möglichst umfährt. Ist eine Umfahrung nicht möglich, sollte die Geschwindigkeit insbesondere in der Dämmerung und nachts auf unter 30 km / h reduziert werden. Was viele nicht wissen: Auch wenn man eine Kröte oder einen Frosch zwischen und nicht unter den Rädern hat, so verursacht der unter dem Auto erzeugte Unterdruck dennoch den sicheren Tod des Tieres. Je langsamer also gefahren wird, desto höher ist die Überlebenschance für die Tiere. Regnerische Abende und Nächte sind die bevorzugte Wanderzeit. In wald- und gewässernahen Gegenden sollte man deshalb grundsätzlich immer das Tempolimit 30 einhalten.

Lebensraum schützen

Man sollte sich jedoch nicht nur während der Amphibienwanderung um den Schutz der Tiere kümmern. Die Tiere sind nicht nur auf Gewässer angewiesen. Ist die Fortpflanzungszeit vorbei, brauchen Amphibien andere Lebensräume. Sie verbringen den weitaus grösseren Teil des Jahres an Land und brauchen dafür naturnahe Gegenden, wo sie sich tagsüber gut verstecken und nachts in Ruhe jagen können. Ast- und Laubhaufen sind für Amphibien sowohl perfekte Tagverstecke als auch ideale Überwinterungsräume. Und nicht nur den Amphibien kommen solche Orte entgegen. Auch Insekten und Igel fühlen sich hier wohl. Damit ein frostfreies Überwintern möglich wird, sollte der Haufen an einem sonnigen Platz aufgeschichtet werden. Ein Mindestmass von einem Meter Durchmesser und Höhe ist wichtig. Kleinere Haufen sind zwar für die Überwinterung ungeeignet, bieten aber im Sommerhalbjahr zahlreiche Schutzmöglichkeiten. 

Auch Holzbeigen, Trockensteinmauern und Steinhaufen werden gerne von verschiedenen tierischen Gästen als Versteck genutzt. Möchte man solche Orte schaffen, empfiehlt sich die Konsultation eines Naturschutzvereines, damit diese dann von den Tieren auch wirklich genutzt werden. 

Das beste Tagesversteck nützt den Tieren nichts, wenn es nichts zu jagen gibt. Deshalb sind extensive Blumenwiesen besonders wichtig. Sie bieten Lebensraum für Insekten, und diese wiederum stehen auf dem Speiseplan von zahlreichen weiteren Tieren. Solche Wiesen werden maximal dreimal im Jahr mit der Sense oder einem Balkenmäher geschnitten. Dabei wird bei jedem Schnitt etwa ein Fünftel der Fläche stehen gelassen, denn dieses Altgras wird gerne als Versteck genutzt. Beim nächsten Schnitt wird dann eine andere Ecke stehen gelassen. 

Zu guter Letzt sind Hecken begehrte Lebensräume, nicht nur für Amphibien, sondern auch für Insekten, Igel und Vögel. 

Viele Gefahren, die unseren Amphibien drohen, sind menschengemacht. Auch wenn die meisten Tiere direkt dem Verkehr zum Opfer fallen, so tragen die intensive Land- und Forstwirtschaft, die Zerstörung der Laichgewässer und Feuchtgebiete, die Zersiedelung, das Einschleppen von Krankheiten und vieles mehr zur Gefährdung der Arten bei.

Amphibienschutz in Haus und Garten

Jeder Hausbesitzer kann seinen Teil dazu beitragen, die lebensgefährliche Situation dieser Arten zu entschärfen. Senkrechte Mauern beispielsweise stellen für Amphibien unüberbrückbare Barrieren dar. Kletterpflanzen, Steinleitern oder schräge Bretter können solche Hindernisse überwindbar machen. Ebenerdig angelegte Schächte sind für viele Tiere tödliche Fallen, weshalb sie stets mit Gitter abgedeckt werden sollten. Dessen Maschenweite darf maximal vier Millimeter betragen. Kellertreppen können mit Zwischentritten gesichert werden, um den Tieren den Ausstieg zu erleichtern. Amphibienausstiegshilfen kann man selbst bauen. Anleitungen dazu finden sich im Internet.

Auch bei der Gartenarbeit kann man zum Schutz der Amphibien beitragen. Man kann Gras unter den Büschen stehen lassen oder solche Stellen zuvor gründlich absuchen und dann vorsichtig mähen. Dies hat schon manchem Frosch und Igel das Leben gerettet. Fadentrimmer und Tellersensen gehören zu den grossen Feinden dieser Tiere, man sollte darauf verzichten. Insbesondere in Gärten mit Teich sollte man in der Ausstiegszeit der Jungtiere gänzlich auf das Mähen verzichten. Die Winzlinge der Erdkröten, Grasfrösche und später der Molche verlassen meist gemeinsam an wenigen Tagen das Wasser. Ein guter Beobachter wird erkennen, wann das der Fall ist, und dafür sorgen, dass ihr Ausstieg sicher erfolgen kann. 

Ganz wichtig für die gesamte Tierwelt ist der Verzicht auf die chemische Insektenbekämpfung. Kunstdünger, Pestizide und Salze sind tödlich für Amphibien, die sich gerade im Sommer auf Feldern und Wiesen aufhalten und durch diese Gifte den sicheren Tod finden. 

Leider haben Amphibien auch viele natürliche Feinde. Wurden sie nicht bereits im Gewässer von Fischen geholt, werden viele an Land durch Füchse, Ringelnattern, Iltisse, Vögel, Insekten und sogar andere Amphibien erbeutet. Und auch Katzen erbeuten Amphibien. Da fast alle Amphibien nachtaktiv sind, kann man zumindest die durch Katzen verursachten Opfer dadurch reduzieren, dass man seine Freigänger-Katze nur tagsüber rauslässt. 

Teichbau soll gut überlegt sein

Ein eigenes Gewässer im Garten ist für viele Menschen ein Traum. Doch die Anlage eines Teiches ist vorab gut zu überlegen. So weisen zum Beispiel viele Teiche zu steile Ufer auf und werden so schnell zur Todesfalle, nicht nur für Amphibien, sondern auch für Igel, Vögel und andere Tiere. Auch die Dimensionen eines Teichs sollten überlegt geplant werden, da ein ungünstiges Verhältnis von Wasservolumen zu Wasseroberfläche zum Tod für im Wasser überwinternde Tiere führen kann. Wenig Sinn macht es zudem, einen Naturteich mitten in einem Wohngebiet mit viel Verkehr anzulegen. Neben dem Risiko eines Massensterbens auf den Strassen nach Besiedelung des Teiches durch Amphibien, ist auch damit zu rechnen, dass sich Wasserfrösche ansiedeln, deren Konzert die Beziehung zu den Nachbarn massiv stören kann und deren Lärm auch schon Gerichte beschäftigt hat. Im eigenen Teich sollte zudem auf das Einsetzen von gebietsfremden oder invasiven Arten verzichtet werden. Goldfische oder andere Zierfische im Gartenteich gefährden beispielsweise den Amphibienbestand stark, da dessen Laich und Larven die Nahrung solcher Fische darstellen.

Amphibien stellen einen wichtigen Teil in der Kette einer gesunden Fauna und Flora dar, deren Funktionieren letzten Endes auch dem Menschen dient. Sie gehören leider aber zu den am stärksten gefährdeten Tierarten in der Schweiz. Es sollte deshalb für jeden selbstverständlich sein, zu ihrem Schutz beizutragen. Mit ein wenig gutem Willen und einfachen Massnahmen lassen sich bereits sehr viele Gefahren und Hindernisse für diese faszinierenden Tiere eliminieren.

Autorin für Tierthemen

Esther Geisser schreibt regelmässig Ratgeber und Fachartikel zu verschiedenen Aspekten der Tierhaltung und des Tierschutzes.
 

Die Juristin ist Präsidentin und Gründerin von Network for Animal Protection (NetAP) und hat ein Diplom als Verhaltenstherapeutin für Kleintiere (I.E.T). Sie ist Mitglied der VIETA und hat die FBA für Betreuungspersonal in Tierheimen inkl. Praktikum erfolgreich absolviert. Im Tierschutz ist sie seit frühester Kindheit aktiv.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Organisation unter: netap.ch