Armenien liegt im südlichen Kaukasus. Immer wieder gibt es bewaffnete Konflikte mit dem benachbarten Aserbaidschan, einst sowjetische Bruderrepublik. Die Zeiten sind nicht einfach, die Menschen aber herzlich. Bildung hat traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Das Land ist stolz auf seine uralte, christlich geprägte Kultur. Armenien bestimmten vor 1700 Jahren als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion.
In der Zeit, als es Teil der Sowjetunion war, bewahrte sich Armenien seine eigene Identität. Das zeigt sich auch im Strassenbild. Nicht nur in der einzigartigen, 1500 Jahre alten Schrift, der man auf jedem Strassenschild begegnet, sondern vor allem in der Architektur. In der Hauptstadt findet man das typisch Armenische derart konzentriert, dass man sich auf einer Armenienreise unbedingt einen Tag einfach nur für einen Spaziergang durch Jerewan reservieren sollte. Armeniens Architektur hat zu Zeiten der Sowjetunion eine ganz eigene Formensprache behalten.
Identitätsstiftende Architektur
Im Stadtbild mit seinen repräsentativen Bauten zeigt sich deutlich der pragmatische, neoklassisch-sowjetisch geprägte Stil der 20er-Jahre. Ein Beispiel ist etwa der zentral gelegene Platz der Republik, um den sich die Regierungsgebäude gruppieren. Geprägt hat sie der Stadtarchitekt Alexander Tamanyan in den 1920er-Jahren. Er verwendete den traditionellen Tuffstein, der Jerewan den Beinamen «rosa Stadt» eingebracht hat. Wer mit aufmerksamem Blick durch die Strassen geht, findet immer wieder Anklänge an traditionelle Architekturformen und häufig Löwenköpfe im Dekor oder stilisierte monumentale Blumen, die im kulturellen Erbe der Armenier verwurzelt sind. Das liess sich mit dem stalinistischen Dogma für die Künste rechtfertigen: «National in der Form, sozialistisch im Inhalt.»
Seine Idee war, den Armeniern, die von Genozid und ständigen Invasionen gebeutelt waren, eine identitätsstiftende Mitte, eine dem biblischen Berg Ararat zugewandte Hauptstadt zu schaffen. Der heilige Berg der Armenier, mehr als fünftausend Meter hoch, befindet sich zum Kummer der Nation nicht auf armenischem Staatsgebiet, sondern auf dem ihres historischen Feindes, der Türkei. Tamanyan (1878-1936), bis heute von den Armeniern hoch geachtet, wollte die Stadt so gestalten, dass man den Ararat auch aus der Stadtmitte sehen konnte. Sein Masterplan sah vor, die nördlichen mit den südlichen Stadtteilen zu verbinden und dafür eine grüne Allee mit Wasserfällen und Parks zu schaffen. Breite Magistralen und weiträumige Plätze sollten die Innenstadt prägen. Die Pläne wurden mehrfach überarbeitet. Das Grundgerüst aber blieb.
Spektakuläres Monument
In den 1970er-Jahren Jerewans setzte sich Stadtarchitekt Jim Torosian nochmals an die Pläne. 1980 eröffnete ein spektakuläres Monument: die Kaskade. Der parkartige Weg dorthin ist von modernen Skulpturen gesäumt. Man sollte sich Zeit dafür nehmen. Die Anlage selbst ist mehrere Stockwerke hoch und sitzt am Ende einer Blickachse. Man kann sie nicht verfehlen. Das ansteigende Ensemble aus Treppen und Brunnen mit weiteren Skulpturen zieht sich pyramidenartig den Hügel hoch. Wahlweise spaziert man die Treppen hoch von Kaskade zu Kaskade. Oder man nimmt die Rolltreppen im Inneren, die dabei durch eine Art Design-Möbelmuseum nach oben führen, das in den Hügel hineingebaut ist. Wer mehr Zeit hat, kann auch das zugehörige «Cafesjian Center for the Arts» besuchen, das tiefer in den Berg gebaut ist. Das allerdings kostet, im Gegensatz zur Rolltreppenfahrt, etwas Eintritt. Für hochwertige, kitschfreie Souvenirs sollte man unbedingt im Museumsladen haltmachen, der gehobenes armenisches Kunsthandwerk anbietet. Ideal plant man die Ankunft auf der Spitze der Kaskaden so, dass man kurz vor Sonnenuntergang ganz oben ist. Der Blick über die Stadt – ohne Wolkendecke – zum Ararat ist unbeschreiblich.
Geschichtsträchtige Wahrzeichen
Ein emblematischer Bau ist auch das Rossiya Kino von 1975. Wie zwei Segel wölben sich die ehemaligen Vorführsäle auskragend über den Platz. Sie sind ein Anklang an die Gipfel des Ararat. Einst war es das grösste Kino Armeniens mit 2500 Plätzen. Es ist längst geschlossen. Heute bröckelt der Beton, und es zeigen sich Risse. Um die einstige stolze Pracht drängen sich Verkaufskioske.
Nur wenige Stationen lang, aber absolut sehenswert ist die Metro. Zu Sowjetzeiten war sie ein Prestigeprojekt. In Moskau sind die Metrostationen wie eindrucksvolle Museumshallen gestaltet, hier hat man eine armenische Variante davon erbaut. Eröffnet wurde sie 1981. Die Stationen und Tunnel waren, wie überall in der Sowjetunion, gleichzeitig als Schutzräume im Kriegsfall vorgesehen.
Der Karen Demirchyan Complex, das grösste Sportzentrum Armeniens, thront hoch über der Stadt. Es dient seit der Sowjetzeit als Kongress- und Konzertzentrum mit 2000 Sitzplätzen und ist Austragungsstätte von Sportereignissen mit 8000 Sitzplätzen. Am besten nimmt man ein Taxi hier hoch. Später kann man die langen von Kaskaden gesäumten Treppen zur Stadt hinuntergehen. Die Architekten erhielten für diesen Bau 1987 den Staatspreis der UdSSR.
Unbedingt auch Zeit einrechnen für einen Abstecher ins benachbarte Genozid-Memorial Zizernakaberd samt seinem unterirdischen Museum. Das 1968 fertiggestellte Mahnmal mit seinem 44 Meter hohen, gespaltenen Obelisken ist ein so würdiger wie eindrücklicher Ort. Man wird hier stets Einheimische treffen, die Blumen ablegen und Verlorener gedenken, welche die Massaker und Todesmärsche während des Völkermords durch das Osmanische Reich zur Zeit des Ersten Weltkriegs nicht überlebt haben.
Freunde von Lost Places sollten sich den Komaygi Children's Park nicht entgehen lassen. Der Park in der Nähe des zentralen Platzes der Republik ist nach wie vor beliebt. Für die Kinder gibt es Hüpfburgen und ähnliche Attraktionen. Die Fahrgeschäfte aus der Sowjetzeit aber sind allesamt wohl aus Sicherheitsgründen abgesperrt und rosten friedlich vor sich hin.
Noch ein Tipp für die Zeit vor dem Abflug: Terminal 1 des Zvartnots Airport, Jerewans Flughafen, steht seit 2011 leer und wurde durch den gesichtslosen Neubau eines Investors ersetzt. Wer vor dem Abflug noch Zeit hat, sollte trotzdem vorbeischauen. Der 1980 errichtete Rundbau war für seine extrem effizienten kurzen Wege bekannt. Immer wieder wird über den Abriss diskutiert. Mit etwas Glück steht das Terminal auch bei Ihrem Besuch noch.
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