Ausflugstipp

Zahnräder, weisse Laken und Alpenblumen

Eine 130-jährige Bahn bietet Blick auf Matten und Berge bis zum Finsteraarhorn. Dazu noch ein Botanischer Alpengarten mit hunderten Alpenpflanzen aus allen Regionen der Schweiz und ein historisches Hotel mit einladender Terrasse.

von Alexandra von Ascheraden

Journalistin

Die Zahnradbahn überwindet mit 10 km / h langsam aber stetig 1420 Höhenmeter. Eine knappe Stunde Bahnfahrt ist es von Wilderswil auf die Schynige Platte. Zur Einfahrt auf der Bergstation Schynige Platte auf 1967 M.ü.M. wird sie von Alphornklängen begrüsst.

Ein Gruss der Jungfraubahnen an ihre Gäste, die hier oben den einzigartigen Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau geniessen möchten. Die Bahn verkehrt nur in der schneefreien Phase bis in den Oktober. Auf den sieben Kilometern Strecke geht es vorbei an blühenden Alpweiden, und immer wieder bieten sich Ausblicke auf den Thuner- und Brienzersee.

Die Bahn wurde 1893 eröffnet, als der Tourismus bereits blühte. In den vier Tunneln tränten den wohlhabenden Passagieren jedoch die Augen vom Qualm der Dampflok. So wurde die Bahn schliesslich als letzte der von den Jungfraubahnen betriebenen Zügen elektrifiziert.

Jeden Herbst werden die Masten und Leitungen am oberen Teil der Strecke wegen der Lawinengefahr wieder abgebaut. Entlang der Strecke gibt es keine Signale. Es wird «auf Sicht» gefahren. So wacht stets ein Zugbegleiter oder eine Zugbegleiterin, dass die Strecke frei von Hindernissen ist. Wo sich tal- und bergwärts fahrende Züge kreuzen, werden die Weichen von Hand gestellt.

Verehrer von Ferdinand Hodler sollten an der Zwischenstation Breitlauenen einen Stop einlegen. Der Maler kam so oft hierher, dass ihm eigens ein Aussichtspunkt gewidmet ist. Kenner seiner Werke können hier die Berge sozusagen mit seinen Augen sehen.

Bretter gegen Schnee

Erst wenn die ersten Züge wieder verkehren, kann auch das Berghotel Schynige Platte in Betrieb genommen werden. Wie zu Grossmutters Zeiten werden vor dem Winter die Möbel abgedeckt und die Fenster und Türen mit Brettern verschlossen, damit der Schnee nicht herein drückt. Für den neuen Pächter Louis Holtfreter ist der Bergsommer 2026 der erste hier oben. Er konnte Hotel und Restaurant wegen der Schneemassen vorab nicht einmal besichtigen. Im Gespräch erzählt er uns, wie er zu Saisonbeginn erstmals das Haus betrat: «Das hatte schon etwas von einem Lost Place oder alten Filmszenen mit all dem sorgfältig abgedeckten Mobiliar. Wir haben die Tücher abgenommen, alles hergerichtet und erst einmal so belassen, wie unsere Vorgänger es liebevoll gestaltet haben.»

19 Themenzimmer mit insgesamt 45 Betten gibt es hier. Alles ist zwar mit modernisierten Etagenbädern ausgestattet, die Möbel in den Zimmern und Fluren stammen jedoch aus längst vergangenen Zeiten. «Der Luxus von vor hundert Jahren», wie Holtfreter es nennt. Eine Besonderheit verbindet alle Zimmer trotz ihrer bewusst unterschiedlichen Einrichtung: der mit nachtleuchtender Farbe aufgebrachte Sternenhimmel über dem Bett. Er ist dem der westlichen Hemisphäre nachempfunden. Neunzig Prozent der Hotelgäste bleiben nur eine Nacht. Entweder, um vom Zimmer aus den Sonnenaufgang in den Bergen zu erleben oder als Zwischenetappe für ihre Wanderung nach Grindelwald oder übers Faulhorn.

Botanischer Alpengarten

Wer dagegen mit der Bahn nur für eine kurze Wanderrunde oder rein wegen der Aussicht hier hoch fährt, der sollte unbedingt einen Abstecher in den botanischen Alpengarten machen, der schon 1928 angelegt wurde. 825 Pflanzenarten werden hier gezeigt. Etwa 350 Arten sind auf der «Schynige Platte» heimisch, den Rest hat man in fast hundertjähriger Arbeit über Samen, die in anderen Regionen gesammelt wurden, hier oben angezogen und ausgepflanzt. Das erfordert stets aufwendige Genehmigungsverfahren. Nur hier kann man die Vielfalt der Alpen so dicht gedrängt erleben.

Das ehrgeizige Ziel ist, Pflanzen der Schweiz oberhalb der Baumgrenze zu zeigen. Die Pflanzen aus dem Tessin wurden erst kürzlich um weitere ergänzt. Der Klimawandel macht es möglich. Leider haben das im vergangenen Jahr im Laufe des Sommers auch die Mäuse gemerkt und sich eifrig dran zu schaffen gemacht», erzählt Jasmin Senn, die hier oben bereits ihren zwanzigsten Sommer verbringt und zusammen mit Elsbeth Honegger den Garten leitet, der von einem Sechserteam betreut wird.

Das Wunderbare am Garten ist, dass er die Pflanzen nicht isoliert zeigt, sondern in ihren natürlichen Pflanzengesellschaften. Die Blaugrashalde beispielsweise kommt an steilen Südhängen auf Kalkstein vor. Sie ist besonders blumenreich. Zu ihr gehören Pflanzen, die mit Trockenheit zurechtkommen, darunter Edelweiss und Erika.

Künstlich angelegte Kalkschutthalde

Obwohl hier oben Kalkstein vorherrscht, gibt es sogar ein Urgesteinsfeld. Es wurde einst eigens mit Material vom Grimsel angelegt, um die passenden Bedingungen für die Pflanzen der Zentralalpen zu bieten, die sauer verwitterndes Gestein brauchen. Spannend ist auch die künstlich angelegte Kalkschutthalde. «Hier wird es bis zu 50 Grad heiss, und es liegt im Grunde keine Erde offen. Die Pflanzen brauchen hier sehr lange Wurzeln, um sich ausreichend mit Wasser zu versorgen und können bei Rutschungen notfalls etwas mitwandern. Die Pflanzen, die hier bestehen, regenerieren leicht, ertragen Dehnungen der Wurzeln und kommen mit Verletzungen ihrer Blätter zurecht. Viele haben auffällig gefärbte Blüten, um Insekten so weit jenseits der Wiesen überhaupt auf sich aufmerksam zu machen.

Senn betont: «Die Pflanzengesellschaften, die wir hier zeigen, gäbe es ohne den Menschen nicht. Er rodet den Wald, entbuscht Weiden, mäht die steilen Wildheuwiesen, die für das Grossvieh zu steil sind, mit der Sense und führt das Material ab.» Hier im Alpengarten übernehmen das Heuen die Gärtnerinnen, damit sich nicht zu viele Nährstoffe ansammeln.

Das Wildheu fährt mit der Zahnradbahn ins Tal. Es wird Futter für die Steinböcke im Alpenwildpark Harder in Interlaken. Man hatte dort 1913 begonnen, aus den letzten Vorkommen in Italien Jungtiere von eigens dafür bezahlten Wilderern in die Schweiz schmuggeln zu lassen. Im Wildpark züchtete man die ausgerottete Tierart wieder und setzte den Nachwuchs in den Bergen frei. Als Touristenattraktion existiert der Park bis heute. Und ist ein lohnendes Ausflugsziel, wenn man nach der Talfahrt von der Schynigen Platte noch etwas Zeit mitbringt.

 

Führung durch den Alpengarten

Wer mag, kann für den Alpengarten vorab eine Privatführung buchen. Sie kostet 80 Franken für maximal zwölf Personen. Sonntags um 13.45 Uhr gibt es jeweils eine stark besuchte Gratisführung.

 

Der Eintritt in den Garten ist frei und im Ticket der Zahnradbahn automatisch inbegriffen.