Unterwegs

Das grüne Gold

Einst war Sisal ein heiss begehrter Rohstoff für Seile und Taue. Heute ist Sisal auch in der Möbelindustrie im Einsatz. Eine Reise zu den Anfängen der Produktion.

von Alexandra von Ascheraden

Journalistin

Agave? Damit verbinden die meisten wohl heisse, südlich gelegene Länder wie Mexiko oder Mittelamerika. Und Alkohol – vor allem Tequila und Mezcal. In Mexiko selbst ist das Nationalgetränk Pulque besonders beliebt, das aus vergorenem Agavensaft hergestellt wird.

Einst war all das nur ein Nebenprodukt des Agavenanbaus. Agaven waren bis in die 1950er-Jahre das «grüne Gold» Yucatáns, der mexikanischen Halbinsel, die sich an den Golf von Mexiko schmiegt und ihn vom karibischen Meer trennt.

Die in den schwertförmigen, armlangen Blättern verborgenen Fasern waren der Grundstoff für Seile und Taue, die man auf den Segelschiffen kilometerweise benötigte. Schon die Maya wussten diese Fasern zu nutzen. Die Bezeichnung Sisal, die wir für dieses Material kennen, erhielt es erst später nach der gleichnamigen Hafenstadt in Yucatán am Golf von Mexiko, von der aus die Agavenfasern verschifft wurden.

Gusseiserner Maschinenpark

Auf der Hacienda Sotuta de Péon in Tecoh / Yucatán kann man den vergangenen Zeiten des grünen Goldes noch nachspüren. Dort wurde der gusseiserne Maschinenpark aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende restauriert und zeigt, wie man einst aus den fleischigen Blättern Fasern gewann und verarbeitete.

Die Umsätze der Sisal-Haciendas explodierten, als 1878 in den USA eine Getreideerntemaschine patentiert wurde, welche die Halme automatisch mit Sisalschnüren bündelte. Der Reichtum der Hacienda-Eigentümer ging durch die Decke. Einige Jahrzehnte lang war der Grossteil des Landwirtschaftslandes mit den gewinnträchtigen Agaven bepflanzt.

Jens Rohark, der regelmässig Touristen durch Mexiko und häufig auch über die Hacienda führt, verschweigt auch die unschöne Seite des Booms nicht: «Die Arbeiter, grossteils Maya, aber auch Koreaner, Chinesen und Amerikaner, die mit nicht eingehaltenen Versprechungen gelockt wurden, lebten in Armut. Es war üblich, sie in ein Schuldensystem zu verstricken, das sie an die Hacienda band und es ihnen unmöglich machte, sich einen anderen Arbeitsplatz zu suchen. Die Hacienda-Herren druckten ihr eigenes Geld, mit dem der Arbeiter nur im Laden der hauseigenen Hacienda bezahlen konnte. Im Nachbardorf war dieses Geld bereits wertlos.»

Die Kolonialvilla, an der die Besichtigung startet, lässt ahnen, welcher Reichtum hier einst angesammelt wurde. Man wusste es sich nicht nur mit edlen Möbeln und glänzend polierten kühlenden Böden, die mit Kacheln aus Portugal gefliest sind, angenehm zu machen. Die schattigen Terrassen, welche die Längsseiten der Villa flankieren, sind, wie Rohark erklärt, «exakt die fünf Meter breit, die es braucht, um Hängematte an Hängematte aufzuhängen, wenn es im Haus zu heiss war». Die nötigen Haken sind noch in der Wand.

Schwungräder und Walzen

Ganz in der Nähe steht das Maschinenhaus. Förderbänder, Walzen, Zahnräder und gusseiserne Schwungräder, die von frei liegenden Riemen und Bändern angetrieben werden, quetschen wie vor hundert Jahren Agavenblatt für Agavenblatt bis nur noch die Fasern übrig bleiben. Diese werden an langen Leinen in der Sonne getrocknet und gebleicht, so dass sie bald ihre hellgrüne Farbe verlieren.

Viele werden einfach zu Ballen gepresst. Es braucht etwa 7000 Blätter für einen 180-Kilo-Ballen. Andere werden nebenan in der Seilerei zu Schnüren und Seilen aller denkbaren Dicken auf grosse Spulen gezwirbelt. Maschinell werden die Fasern auf eisernen Rechen ausgekämmt und dabei parallel zueinander ausgerichtet, so dass sie sich miteinander zu Schnüren verdrehen lassen.

Niedergang der Segelschiffe

Anfang des 20. Jahrhunderts waren bis zu 70 Prozent des kultivierten Landes inYucatán mit Agaven bepflanzt. Als Segelschiffe seltener wurden und wegen der beginnenden Mechanisierung weniger Seile für Zugtiere benötigt wurden, sank auch die Nachfrage nach Sisalseilen. Der endgültige Niedergang der Industrie erfolgte mit der Verbreitung der Kunstfasern in den 1950er-Jahren.

Umso spannender, dass man in diesem Museumsbetrieb nach wie vor erleben kann, wie diese Fasern einst in grossem Massstab gewonnen wurden. Eine Übernachtung in der Hacienda lohnt sich. Nach der Führung kann man in einem der zahlreichen kleinen Pavillons mit privatem Mini-Pool auf der eigenen Terrasse den Tag ausklingen lassen, umgeben von nichts als Natur.

Es ist unbedingt zu empfehlen, sich nach der Besichtigung auf den alten Schmalspurgleisen auf dem von Pferden gezogenen Wagen zur Hacienda-eigenen Cenote bringen zu lassen. Rohark: «Schon zu Maya-Zeiten wurden diese unterirdischen Süsswasserseen zur Trinkwassergewinnung genutzt. Yucatán hat keine Flüsse, so dass Cenoten und Zisternen einst die einzigen Möglichkeiten zur Wasserversorgung waren.» In diese hier steigt man über hölzerne Treppen hinab, um sich ins kühle Wasser gleiten zu lassen. Wunderbar erfrischend nach der mexikanischen Hitze – und von ganz eigenem Zauber. Mitten in der Cenote macht ein riesiger Tropfstein die Jahrtausende sichtbar. Ein ganz eigenes Erlebnis.

Teppiche, moderne Möbel, Katzenbäume aus Sisal

Sisal ist auch heute noch in Gebrauch, wenn er auch längst nicht mehr auf einzelnen Haciendas von Hand verarbeitet wird. Beliebt ist das Material zum Beispiel in der Möbelindustrie. Die robusten Fasern sind ein reines Naturmaterial und halten eine Menge aus. Sie sind zäh und zugfest und auch vergleichsweise steif. So wird Sisal gern als Polsterträger eingesetzt, als Füllmaterial für Matratzen oder in Matratzenschonern. Die zwischen den Fasern eingeschlossenen kleinen Luftpolster sorgen für Isolation. Zudem kann Sisal Feuchte gut aufnehmen und wieder abgeben und wirkt so regulierend.

Nicht umsonst sind auch Katzenbäume und -kratzspielzeuge häufig mit Sisal umwickelt. Übrigens sind auch hochwertige Dartboards häufig aus Verbundstoffen mit Sisal hergestellt. Diese sind besonders langlebig, da sich ihre Löcher nach dem Herausziehen der Pfeile wieder schliessen.

Sisalteppiche sind ebenfalls wegen ihrer Robustheit beliebt. Sie eignen sich besonders für stark frequentierte Bereiche wie etwa den Flur. Rutschfest und antistatisch sind sie auch noch gleich. Sehr stilvoll sind auch geflochtene Sessel aus Sisal, gern in Kombination mit Holz oder Bambus.

Meist wird der Rohstoff in seinem warmen Naturton verwendet, der verschiedene helle Braun- und Beigetöne umfasst. Das Material lässt sich jedoch auch einfärben. Aber Achtung bei Produkten, die aus auffallend weichen Sisalfasern hergestellt sind. Das lässt sich nur erreichen, wenn man sie stark chemisch vorbehandelt, so dass sie ihre Steifigkeit verlieren. Diese Produkte sollte man meiden.

«Anfang des
20. Jahrhunderts waren bis zu 70 Prozent des kultivierten Landes in Yucatán mit Agaven bepflanzt.»