Unterwegs

Das geheimnisvolle Muggiotal – perfekter Entschleunigungsort

Das Tessiner Valle di Muggio ist das südlichste Tal der Schweiz und zählt zu den schönsten im Land. Ein Tourismusprojekt soll die Abwanderung stoppen und die rustikalen Dörfer beleben.

Das Muggiotal beginnt leise: keine grosse Geste, kein spektakulärer Auftakt – eher ein langsames Eintauchen. Die Strasse windet sich hinauf von Mendrisio, Kurve um Kurve, bis sich zwischen dem Monte Generoso und der italienischen Grenze eine Landschaft öffnet, die wirkt, als sei sie aus der Zeit gefallen. Kastanienwälder ziehen sich über die Hänge, dazwischen stehen verstreut alte Steinhäuser. Wasser plätschert durch Mühlen, die mehr erzählen, als sie arbeiten. Und irgendwo im Schatten der Wälder ducken sich die «Nevère» – steinerne Kühlschränke aus einer anderen Epoche. Dass die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz das Valle di Muggio zur «schönsten Landschaft der Schweiz» gekürt hat, überrascht hier oben nicht. Eher fragt man sich, warum so wenige diesen Ort kennen.

Hart an der Grenze zu Italien

Neun Dörfer, kaum 2000 Einwohner, zehn Kilometer Tal sowie Tiere, die näher sind als Nachbarn: Gämsen, Wildschweine, Hirsche, Rehe. Zuhinterst im Grenzbereich zu Italien thront Scudellate. 900 Meter über Meer, ein Dorf wie ein letzter Gedanke vor Italien. Bis in die 1970er-Jahre profitierte Scudellate vom Schmugglerweg und hatte damals drei Restaurants, einen Dorfladen und rund 200 Einwohner. Doch als Italien die Schutzzölle abschaffte – ein Kilogramm Zucker kostete einst in der Schweiz umgerechnet 0,6 Lire und in Italien 1,5 Lire –, war es um eine wichtige Einnahmequelle geschehen.

Heute sind noch 15 Menschen geblieben. Einer von ihnen ist der Einheimische Claudio Zanini, 63 Jahre alt, mit klarer Vorstellung. Er spricht nicht von Rettung, sondern von Zukunft. Zanini hegte bereits 2017 die Idee, das Muggiotal mit einem touristischen Projekt wiederzubeleben. «2019 hatten wir das Geld zusammen, dank der Unterstützung der Schweizer Berghilfe, des Kantons Tessin, der regionalen Behörde für Entwicklung und unseren von Banken finanzierten Eigenmitteln. 2020 starteten wir mit der Renovation», erzählt er. Allein die Arbeiten an und in den Gebäuden kosteten 3,5 Millionen Franken. «Aber so schaffen wir Arbeitsplätze und können junge Familien anlocken. Sie werden vielleicht im Dorf Muggio wohnen und hier oben arbeiten.» Muggio befindet sich 10 Autominuten unterhalb von Scudellate.

Nachhaltiges Projekt Albergo Diffuso

Unter dem Dach des nachhaltigen Tourismusprojekts Albergo Diffuso del Monte Generoso SA (ADMG) eröffnete im Juni 2021 in Scudellate die Osteria Manciana mit drei Doppelzimmern, einer Suite und einer Wohnung. Danach folgte die Panorama-Lodge La Casa dei Gelsi mit drei Suiten und drei Doppelzimmern, die von Zaninis Frau mit viel Geschmack und hochwertigen Materialien wie Eichenparkett eingerichtet wurden. Und mit der renovierten Ostello di Scudellate (vier Zimmer für je maximal sechs Personen), einem Partnerbetrieb der Schweizer Jugendherbergen, kommt das Total der Kapazitäten an den nur durch ein paar Schritte voneinander entfernten drei Standorten auf insgesamt 42 Betten.

2024 stiess unten in Casima das Boutiquehotel Cà Nani mit sechs Doppelzimmern und einem Restaurant dazu. Auch dort bleibt alles klein, fast beiläufig. Die Preise sind es auch – ungewöhnlich moderat für die Schweiz. Vielleicht, weil es hier nicht um Luxus geht, sondern um Ruhe. Im Cà Nani kostet die Nacht ab 135 Franken, in der Osteria Manciana sogar fünf Franken weniger, das erstklassige La Casa dei Gelsi ist angesichts der privilegierten Lage mit viel Privatsphäre und Raten ab 190 Franken preislich ebenfalls attraktiv.

Zanini sagt: «Im Januar und Februar sowie – wegen der Hitze – während zehn Tagen im August haben wir geschlossen. Mai, Juni und September / Oktober sind unsere stärksten Monate. Wir wollen keinen Massentourismus. Wir sind eine Nische und müssen das bleiben.» 90 Prozent der Touristen reisen aus der Deutschschweiz an – die meisten davon mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, wobei die Postautostrecke ab Mendrisio meist nur sechsmal am Tag bedient wird. 5 Prozent stammen laut Zanini aus der Romandie, der Rest aus dem Ausland. Auf Wunsch werden die Besucher mit einem Elektrofahrzeug ab den Bahnhöfen Mendrisio oder Chiasso abgeholt. Es sind meist ältere Gäste, die Zeit haben, wandern, die Natur mögen und so das Valle di Muggio entdecken.

Ossobuco mit Polenta, lokale Weine

Die Restaurants des Albergo Diffuso fangen die authentischen Aromen des Monte Generoso ein. Traditionelle Küche trifft hier auf die Frische regionaler Produkte: Die Osteria Manciana empfiehlt beispielsweise zum Start «Il Tagliere dell'Osteria», «Insalata della casa» oder «La Caprese della Valle». Die herzhafte Nonna-Küche bietet auch Gnocchi, Cavatelli fatti in casa oder frische Ravioli mit einer Füllung aus Ricotta, Pecorino, Basilikum, Minze und Zitrone an. Zum Hauptgang stehen «L'ossobuco della Piera con polenta», Luganiga di coniglio auf Polenta oder Roastbeef zur Auswahl. Die Weinkarte besteht aus Tropfen von eher unbekannten lokalen Weingütern.

Besonders stolz macht Zanini, dass das Tourismusprojekt Albergo Diffuso am
3. Mai 2026 einen eigenen Wein vorstellen konnte, dessen Trauben am terrassierten Rebberg unter der Panorama-Lodge La Casa dei Gelsi wachsen: Er heisst sinnigerweise 909 und referiert auf die Höhe über Meer. Die Bioweine gibt es in Weiss mit der Neuzüchtung Divona sowie in Rot mit der Traubensorte Divico. «Wir sorgen für die höchstgelegenen Weine des Tessins und werden neben unseren Weinen Produkte wie Honig, Limoncello oder einen Nussschnaps verkaufen – ausschliesslich an den Standorten der Albergo Diffuso», sagt Claudio Zanini. 

Diese Initiativen dienen dazu, die Gäste länger im magischen Muggiotal zu halten. Deshalb eröffnete 2024 die Berghütte Alpe di Caviano auf rund 1000 Metern über Meer auf der Südseite des Monte Generoso. Sie lässt sich mit der Osteria Manciana kombinieren. Nach Como sind es zu Fuss weniger als fünf Stunden, nach Melide weniger als sechs Stunden, und zum 1700 Meter hohen Monte Generoso gibt es mehrere Aufstiegsvarianten – viele Gründe, um länger in diesem so unbekannten Tal zu verweilen, das oft mit dem Maggiatal verwechselt wird. Es dürfte das eigentliche Geheimnis des Muggiotals sein: dass es nichts will – ausser, dass die Gäste bleiben.