Der Schweizerische Hauseigentümer: Herr Suppiger, welche Arten von Beton gibt es? Und welcher Beton wird wo eingesetzt?
Patrick Suppiger: Beton ist ein vielseitiger Baustoff, der aus wenigen natürlichen Rohstoffen besteht wie Zement, Gesteinskörnung und Wasser. Aus dieser einfachen Kombination entsteht ein Material mit grosser Stabilität und Anpassungsfähigkeit. Die Grundbestandteile haben dabei klare Aufgaben: Die Gesteinskörnungen bilden das tragende Gerüst, der Zement und das Wasser reagieren zu einem festen Gefüge, das den Beton aushärten lässt. Durch Zusatzmittel können die Eigenschaften gezielt beeinflusst werden – von höherer Festigkeit über verbesserte Dauerhaftigkeit bis hin zu speziellen Oberflächen für Sichtbeton.
Je nach Anforderung kommen verschiedene Betonarten zum Einsatz. Normalbeton erfüllt die Standardanforderungen an Festigkeit und Dauerhaftigkeit. Hochleistungsbeton wird für besonders belastbare oder langlebige Konstruktionen verwendet. Selbstverdichtender Beton erleichtert das Einbringen in filigrane Schalungen, und Spezialbetone können beispielsweise besonders witterungsbeständig oder optisch ansprechend sein.
Auch die Verarbeitungsform unterscheidet sich: Ortsbeton wird in Betonwerken gemischt und zur Baustelle geliefert. Betonfertigteile entstehen dagegen in Produktionshallen unter kontrollierten Bedingungen. Das garantiert Präzision, gleichbleibende Qualität und verkürzte Bauzeiten.
Beton gilt als extrem langlebig und robust. Welche entscheidenden Materialeigenschaften machen Beton für den privaten Hausbau so attraktiv — und welche Mythen über seine «Kälte» oder «Schwere» würden Sie gern ausräumen?
Beton ist im privaten Hausbau vor allem aufgrund seiner vielfältigen Eigenschaften attraktiv. Er ist tragfähig, formstabil und äusserst langlebig. Diese Robustheit sorgt für Sicherheit und Werthaltigkeit über Generationen hinweg. Gleichzeitig verfügt Beton über eine hohe Wärmespeicherfähigkeit. Er nimmt Wärme auf und gibt sie zeitversetzt wieder ab. So wird ein ausgeglichenes Raumklima geschaffen, was den Wohnkomfort spürbar erhöht. Auch beim Schallschutz spielt Beton eine wichtige Rolle. Bauteile aus Beton dämpfen Geräusche effektiv. Ein weiterer Vorteil ist der Brandschutz: Beton ist nicht brennbar und schützt die Gebäudestruktur zuverlässig.
Das oft gehörte Vorurteil der «Kälte» greift zu kurz. Beton ist nicht kalt, sondern neutral. Kalt wirken meist Oberflächen, die bewusst roh belassen werden, oder Konzepte, die auf wohnliche Materialien verzichten. In Kombination mit Holz, Textilien und gutem Licht fühlt sich Beton anders an. Auch die angebliche «Schwere» ist eher ein Missverständnis. Beton ermöglicht schlanke Tragstrukturen, grosse Spannweiten und offene Grundrisse. Bei richtiger Planung schafft er Leichtigkeit, Klarheit und Flexibilität.
Welche neuen Möglichkeiten bieten moderne Betonmischungen und Schalungstechniken für individuelle und ästhetische Wohnhausarchitektur?
Dank moderner Mischungen und neuer Schalungstechniken hat sich die architektonische Freiheit deutlich erweitert. Beton ist kein grobes, einheitliches Material, sondern lässt sich sehr anwendungsbezogen konfektionieren. Über die Rezeptur lassen sich Farbe, Textur und Oberflächenwirkung gezielt beeinflussen. Gleichzeitig ermöglichen moderne Rezepturen eine Reduktion des CO₂-Fussabdrucks; dank der Kreislauffähigkeit des Materials können Ressourcen eingespart werden.
Auch die Schalung spielt eine zentrale Rolle. Strukturierte Matrizen, Holz- oder textile Schalungen übertragen feine Muster, Maserungen oder weiche Übergänge auf die Oberfläche. So entstehen Fassaden und Innenräume mit Tiefe, haptischer Qualität und gestalterischer Vielfalt. Beton kann sowohl glatt und präzise als auch lebendig und handwerklich wirken.
Welche Rolle spielt Beton beim sommerlichen und winterlichen Wärmeschutz, und wie beeinflusst seine hohe Speichermasse den Wohnkomfort im Vergleich zu leichteren Baustoffen?
Beton spielt beim Raumklima und bei der Energieeffizienz eine zentrale Rolle – vor allem dank seiner hohen Speichermasse. Im Sommer nimmt er überschüssige Wärme auf und verzögert so das Aufheizen der Räume. So bleiben die Innenräume angenehm kühl – oft ganz ohne Klimaanlage. Im Winter wiederum speichert Beton die Wärme aus Heizung oder Sonnenlicht und gibt sie langsam wieder ab. Das stabilisiert die Raumtemperatur. Im Vergleich zu leichteren Baustoffen reagiert Beton träger, was zu ruhigeren und ausgeglicheneren Klimaverhältnissen führt.
Wird Beton thermisch aktiviert, kann er zusätzlich zum Heizen und Kühlen genutzt werden. Dazu werden Wasserleitungen in Decken oder Böden integriert, durch die im Winter warmes und im Sommer kühles Wasser fliesst. Die Wärme- oder Kälteabgabe erfolgt grossflächig, leise und ohne Luftzug. So lässt sich im Sommer eine angenehme Kühle erzeugen, ohne mechanische Kühlung. In Kombination mit einer Wärmepumpe bleiben die Vorlauftemperaturen niedrig, der Wirkungsgrad hoch und die Betriebskosten gering. Die thermische Bauteilaktivierung wird in der Schweiz zunehmend auch bei Ein- und Mehrfamilienhäusern eingesetzt. Sie verbindet hohen Komfort mit Energieeffizienz, besonders in Kombination mit erneuerbaren Energien.
Wie verändert der Trend zu vorgefertigten Betonbauteilen sowie Kombinationen aus Beton, Holz oder Stahl die Zukunft des Wohnungsbaus? Wo sehen Sie die grössten Chancen – aber auch Herausforderungen – für die Branche?
Der Trend zu vorgefertigten Betonbauteilen und hybriden Bauweisen verändert den Wohnungsbau nachhaltig. Die Vorfertigung mit Betonfertigelementen ermöglicht eine höhere Präzision, kürzere Bauzeiten und einen effizienteren Ressourceneinsatz. Dies erfordert jedoch eine frühzeitige und sorgfältige Planung und verbindet handwerkliche Qualität mit industrieller Fertigung. Unter kontrollierten Bedingungen lässt sich Material gezielt einsparen, wodurch sich die CO₂-Emissionen bei Herstellung und Transport reduzieren. Gleichzeitig sinken Lärm, Staub und der Platzbedarf auf der Baustelle. Auch die Kreislaufwirtschaft gewinnt an Bedeutung. In der Schweiz wird Recyclingbeton in der Vorfertigung zunehmend eingesetzt. Solche Lösungen funktionieren im Hochbau bereits gut. Vorgefertigte Elemente enthalten heute häufig einen relevanten Anteil an rezykliertem Betongranulat.
Die Hybridbauweise bietet zusätzlich grosse Chancen. Durch die Kombination von Beton, Holz oder Stahl kann jedes Material dort eingesetzt werden, wo es seine Stärken hat. Das erhöht die Energieeffizienz, senkt den ökologischen Fussabdruck und schafft gestalterische Freiheit. Die Herausforderungen liegen in der Planung und Koordination sowie in zu engen Vorgaben, etwa bei Wettbewerben. Nachhaltiges Bauen bedeutet, Materialien bewusst zu kombinieren. Genau darin liegt die Zukunft des Wohnungsbaus: im hybriden Zusammenspiel, mit Beton als zentralem, weiterentwickeltem Baustein. Dabei ist bereits in der Planungsphase zu berücksichtigen, wie allfällige Hybridkonstruktionen sortenrein beim Rückbau getrennt werden können, so dass der Stoffkreislauf geschlossen werden kann.
Wie hat sich Beton in den vergangenen Jahren im Hinblick auf Nachhaltigkeit weiterentwickelt – etwa durch CO₂-reduzierte Zemente, Recyclingzuschläge oder Optimierungen im Herstellungsprozess? Welche Potenziale sehen Sie für die kommenden Jahre?
Beton hat sich deutlich weiterentwickelt und leistet heute einen aktiven Beitrag zur Nachhaltigkeit im Bausektor. Recyclingzuschläge ermöglichen die Wiederverwertung von Betonabbruchmaterial, bei gleichbleibender Qualität. Auf diese Weise können stoffliche Kreisläufe geschlossen werden, ohne dass es zu einer Kaskadenwirkung kommt.
Auch die Herstellungsprozesse selbst wurden optimiert. Der Energieeinsatz, der Transport und die Rohstoffnutzung werden effizienter gestaltet, um Ressourcen zu schonen. Wir sehen für die kommenden Jahre Potenzial, diese Entwicklungen weiterzuführen. Eine optimierte Planung von Tragstrukturen, neue Bindemittel, digitale Planung und eine präzisere Dosierung von Materialien könnten den ökologischen Fussabdruck weiter reduzieren. Ziel ist es, Beton gezielt in Tragstrukturen einzusetzen und nicht als Füllmasse zu verwenden. Aktuell werden Projekte durchgeführt, um CO₂ direkt an der Quelle zu entfernen und entweder zu speichern oder als aufbereiteten Treibstoff zu nutzen.
Obwohl Recycling möglich ist, wird Beton in der Praxis oft nicht konsequent rückgebaut oder sortenrein getrennt. Weshalb? Was sind die Schwierigkeiten?
In der Schweiz ist das Recycling von Beton Standard und klar normiert. Bis zu 85 Prozent des Betonabbruchs werden kontrolliert wiederverwertet, wodurch Beton zu einem zentralen Baustein der Kreislaufwirtschaft wird. Das Problem liegt weniger in der Technik als in der Praxis: Bauherrschaften, Architekten und Planer setzen nicht immer auf Recyclingbeton.
Recyclingbeton erreicht im Hochbau die gleiche Festigkeit und Qualität wie Standardbeton. Normen wie die SIA 2030 definieren Einsatzbereiche und sichern die Qualität. Moderne Entwicklungen, etwa CO₂-Speichertechnologien oder die Wiederverwendung ganzer Bauteile, zeigen, dass Betonkreisläufe nicht nur Ressourcen sparen, sondern auch aktiv CO₂ binden. Die grösste Herausforderung bleibt jedoch, das Kreislaufdenken konsequent von der Planung über die Ausschreibung bis zum Rückbau umzusetzen, denn nur so lässt sich das volle Potenzial des Materials nutzen.
Herr Suppiger, wie wartungsintensiv ist Beton? Wie verändert sich der Wartungsaufwand im Laufe der Jahrzehnte; was sollten Wohneigentümer wissen?
Beton gehört zu den wartungsärmsten Baustoffen – sowohl im Innen- als auch im Aussenbereich. Innen überzeugt er durch seine robuste Oberfläche, die kaum Pflege benötigt und sich leicht reinigen lässt. Aussen sorgt Beton durch seine Dichte und Witterungsbeständigkeit für langlebige Fassaden und tragende Bauteile. Selbstverständlich verändert sich der Wartungsaufwand im Laufe der Jahrzehnte: Es können kleinere Risse, Farbveränderungen oder Verschmutzungen auftreten, die aber meist leicht zu beheben sind. Regelmässige Kontrollen und punktuelle Instandhaltungsmassnahmen genügen, um die Qualität zu erhalten. Für Wohneigentümer bedeutet das: Betonbauten sind langlebig und zuverlässig. Die laufenden Kosten für Pflege und Wartung bleiben überschaubar und mit gezielter Pflege kann die Lebensdauer problemlos viele Jahrzehnte überdauern.
Das Interview führte Tamara Lustenberger, Redaktorin beim HEV Schweiz
Zur Person
Patrick Suppiger ist Geschäftsführer von Betonsuisse. Die Plattform für nachhaltiges Bauen mit Beton trägt dazu bei, den Wissenstransfer zwischen Branchen, Forschung und Öffentlichkeit zu fördern. Die Schwerpunkte liegen auf Themen wie Innovation, Nachhaltigkeit, Recycling, Ressourcenschonung, CO2-Reduktion, verdichtetem Bauen und der Förderung einer Kreislaufwirtschaft.
Mehr Informationen finden Sie unter: betonsuisse.ch








