Über 145 000 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt haben heuer die Chelsea Flower Show besucht. Wie immer fand sie im Mai im Londoner Stadtteil Chelsea statt. Auf dem rund acht Hektar grossen Gelände kamen die Besucher dabei in den Genuss von mehr als 390 gartenrelevanten Ausstellungen zu Gärten, Garten- und Zimmerpflanzen, Floristik, zu wissenschaftlichen Themen und diversen floralen Installationen. Fun Fact: Während der fünf Tage werden im Durchschnitt 39 755 Gläser Pimm’s und 1974 Flaschen Pommery Brut Champagne getrunken. Als Veranstalterin fungierte wie jedes Jahr die Royal Horticultural Society (RHS).
Ausgezeichnet: Mutter Erde
Für das grösste Interesse sorgen stets die Schaugärten – in diesem Jahr 30 an der Zahl und in Kategorien wie «Show Gardens», «Balcony and Container Gardens» oder «Houseplants Studios» aufgeteilt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, was sich von den präsentierten Ideen, Materialien und Pflanzen zu Hause realisieren lässt. Die kolossale Gaia-Figur aus Holz, angefertigt vom Künstler Tom Hare, wird wohl für die wenigsten Privatgärten infrage kommen. Als Inszenierung war sie jedoch extrem eindrücklich. Gaia war Teil des Gartens «On the Edge», der mit dem Hauptpreis «Garden of the Year» ausgezeichnet wurde. Designerin Sarah Eberle wollte mit dem Garten dazu inspirieren, natürliche Materialien zu verwenden, einheimische, bestäuberfreundliche Pflanzen zu kultivieren und vermeintliche «Unvollkommenheiten» wie alte Baumstrünke oder felsige Bereiche als wertvolle Lebensräume für Wildtiere zu begreifen. Inmitten der natürlichen Rhythmen wirkte Gaia, die Mutter Erde, wie eine sanfte Beschützerin, die friedlich ruht und vollständig von der Natur durchdrungen scheint.
Welche Pflanzen etablieren sich in Zukunft?
Einen anderen Weg wählte Tom Stuart Smith, der erst kürzlich in der Schweiz einen Schaugarten für die Giardina mitentworfen hat. Bei seinem «Tate Britain Garden» handelte es sich um eine Vorschau auf den kommenden Clore Garden in der Tate Britain, der 2027 im Londoner Stadtteil Millbank eröffnet werden soll. Die Bepflanzung spiegelte die klimatischen Veränderungen wider, die für das Tate-Britain-Gelände erwartet werden. Viele der Pflanzen – Japanischer Palmfarn, Zederachbaum oder Japanischer Scheingoldkolben – orientieren sich an ostasiatischen Wäldern, sind an wärmere Klimazonen angepasst und benötigen weitgehend frostfreie Bedingungen, um zu gedeihen. Welche davon dereinst auch in der Schweiz in Gärten wachsen, wird sich zeigen. Doch die markanten Texturen und Formen der Bepflanzung strahlten eine hochgradige Eleganz aus.
Künstlerisch aktiv versus Bildschirmzeit
In Tom Stuart Smiths Garten gab es keinen klassischen Sitzplatz mit Gartenhaus. Auch andere Designer, so Baz Grainger in seinem Garten «A Seed in Time», reduzierten das Prinzip des Gartenhäuschens auf ein absolutes Minimum. Sein brutalistisch anmutendes Bauwerk wirkte auf den ersten Blick wie aus Beton errichtet. Tatsächlich wurden für den Bau nur natürliche Materialien wie Strohballen, Schilf und Lehmputz verwendet.
Regelrecht nostalgisch dagegen wirkte der «Cleary Gottlieb: Time for Creativity»-Garten. Er erkundete die Möglichkeiten, die sich in einer Umgebung ohne technologische Ablenkungen bieten. In einem begehbaren Gewächshaus durfte man malen, lesen und basteln – dies vor allem, um die Bildschirmzeit zu verringern. Laut RHS verbringt der durchschnittliche Brite täglich mehr als fünf Stunden am Smartphone. Im Laufe eines Jahres summiert sich das auf 1825 Stunden, was zweieinhalb Monaten entspricht.
Hier kommt der Schnittlauch!
Mut zur Farbe bekannten gleich mehrere Gärten – beispielsweise der «Seasalt Painted Garden», ein origineller Innenhofgarten, der auf kräftige Farben und Pflanzengefässe aus umfunktionierten Aktenschränken setzte. Woanders wurden Ziegelstein-Türme zu Pflanztrögen umgedacht – so im «Sightsavers Garden». Die Designer hatten auch daran gedacht, in manchen Ziegelsteinen Bienenlöcher anzubringen, um die Artenvielfalt in der Stadt zu fördern. Bei der Pflanzenauswahl ging es bunt zu im «The Eden Project: Bring Me Sunshine Garden». Hier dominierten Rosa- und Gelbtöne, kontrastiert durch gelegentliche blaue Akzente für mehr Lebendigkeit. Die Designer Harry Holding und Alex Michaelis boten selbst dem bescheidenen Schnittlauch die grosse Bühne – an zahlreichen Stellen blitzten seine lila Blütenkugeln hervor.
Steine: wuchtig oder winzig
Ein starker Trend der diesjährigen Chelsea Flower Show war die Verwendung von wuchtigen Steinen als Solitäre, aber auch von kleinformatigen, hochkant gesetzten Steinen in Mauerkronen oder sogar in Pflästerungen. Letzteres war im «The Children’s Society Garden» zu sehen, wo Wege aus recycelten Kies- und Steinresten bestanden und grössere Abschnitte aus Pflaster-Abfallstücken gefertigt wurden. Im «Lady Garden Foundation ‹Silent No More› Garden» hatte Designer Darren Hawkes zusätzlich einzelne Beetbegrenzungen mit hochkant gestellten Steinen definiert, was an Spaltengärten erinnerte. Mit ihren warmen Farben harmonisierten sie perfekt mit der Bepflanzung, die in sanften Grau-, Rosa- und Blautönen bis hin zu Knallrot gehalten war.
Ein ähnliches Bauelement gab es im «Woodland Trust: Forgotten Forests Garden». Hier wurde als oberer Mauerabschluss das Steinmaterial senkrecht gestellt, wodurch die Maueroberkante leicht zackig wurde. Dass die dicht an dicht gesetzten Steine gleichzeitig Lebensraum sein können, demonstrierte Designerin Ashleigh Aylett, indem sie sie mit Farnen, Zimbelkraut und anderen genügsamen Pflanzen bepflanzt hatte.
Laut RHS dauert die Planungsphase für die Ausstellung 15 Monate. Für die Durchführung der Ausstellung werden circa 8000 Personen benötigt – und rund 800 Personen sind am Bau der Gärten beteiligt. Was also wird bleiben von der Chelsea Flower Show 2026? Ob sich Aktenschränke dauerhaft als Pflanztröge etablieren, ist ungewiss. Aber sicher ist, dass es im Vereinigten Königreich zahlreiche Menschen gibt, die sich mit Herzblut für die Gartenkultur einsetzen.








